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OD WH

Modell

Ortgies-Taschenpistole

Fertigung
Deutsche Werke Erfurt
Kaliber
6,35 mm Browning, 7,65 mm Browning, 9 mm kurz
Zeitraum
1919–1924
Belegstatus
plausibel Begründung anzeigenBegründung ausblenden

GESICHERT bis mehrfach übereinstimmend belegt sind: das Patentdatum 12. September 1916, die Eigenfertigung von etwa 15.000 bis 16.000 Stück durch H. Ortgies & Co. bis 1921, die Übernahme von Patent und Maschinen durch die Deutsche Werke AG, die Fertigung im Erfurter Werk, die drei Kaliber, das Auftreten der 9-mm-kurz-Ausführung ab etwa Seriennummer 20.000 und die Beendigung der Fertigung durch die alliierte Kontrolle. KORRIGIERT gegenüber der früheren Fassung dieses Eintrags ist die WIRKUNGSRICHTUNG DER SICHERUNG. Dort stand, die Griffsicherung bleibe eingerastet und werde über den Druckknopf GELÖST. Das ist die Umkehrung des tatsächlichen Ablaufs: Die Griffsicherung wird durch Umfassen gelöst und rastet in dieser gelösten Stellung ein; der Druckknopf an der linken Griffstückseite bringt sie in die SICHERNDE Stellung zurück. Mehrere voneinander unabhängige Beschreibungen stimmen darin überein, darunter eine ausdrückliche Angabe, dass der Hebel nach dem Knopfdruck hörbar herausspringt, und die Feststellung, dass derselbe Knopf zugleich der Zerlegeknopf ist. NICHT AUFGELÖST ist dabei, WORAUS die Kraft stammt, die den Hebel heraustreibt: Eine Darstellung nennt Federkraft bei gespanntem Schlagbolzen, eine andere bestreitet eine eigene Feder ausdrücklich. Übereinstimmend ist nur, dass der Hebel bei entspanntem Schlagbolzen nicht heraustritt. Ein zerlegtes Stück würde die Frage in Minuten entscheiden. BEI DER PRÜFUNG BERICHTIGT wurden drei weitere Punkte. Erstens greift der Sperrfortsatz der Griffsicherung nach der eingesehenen Beschreibung am FANG an; eine frühere Formulierung dieses Eintrags hatte daraus eine Sperre der Abzugsstange und einen Verlauf der Stange an der linken Griffstückseite gemacht, beides ohne Beleg. Zweitens war im Rechenkasten behauptet, Gasanteil und Federkraft verschöben das Ergebnis beide nach unten; der Gasanteil vergrößert den Verschlussweg und verkleinert ihn nicht. Drittens hatte der Vergleich mit dem Browning-Modell 1910 diesem zwei Sicherungen zugeschrieben — es sind drei (Griff-, Hebel- und Magazinsicherung), womit der Abstand zur einzigen Sicherung der Ortgies größer ist als dort dargestellt. Die Angabe der Kaliberbezeichnungen auf frühen Magazinen betrifft die beiden Seiten des Magazinkörpers und nicht den Magazinboden. NICHT AM OBJEKT GEPRÜFT sind sämtliche Angaben dieses Eintrags. Kein Stück wurde eingesehen, zerlegt oder vermessen; die Beschreibung von Abzugsstange, Fangrast, Unterbrecher, Auswerferlage und Zuführrampe folgt der Bauart dieser Waffenklasse und den vorliegenden Beschreibungen, nicht einem Befund. Insbesondere ist die Lage des Auswerfers hier bewusst NICHT benannt. WIDERSPRÜCHLICH sind die Stückzahlen, und der Widerspruch ist rechnerisch greifbar: Rund 15.000 Stück aus der Eigenfertigung und rund 400.000 aus dem Erfurter Werk ergeben rund 415.000, während dieselbe deutschsprachige Darstellung an anderer Stelle eine Gesamtzahl von rund 446.000 nennt, davon 183.000 im Kaliber 6,35 mm und 263.000 in 7,65 mm und 9 mm kurz. Eine der beiden Zahlenreihen muss falsch sein oder einen anderen Zeitraum meinen; entscheidbar ist das hier nicht. Der Datensatz führt deshalb weiterhin die gerundete Größenordnung 400.000 für die Erfurter Fertigung, weil sie in drei Darstellungen übereinstimmend steht. WIDERSPRÜCHLICH ist ferner das Produktionsende (September 1923 gegenüber Anfang 1924) sowie die Magazinkapazität der 6,35-mm-Ausführung (6 oder 7 Patronen). NEU AUFGENOMMEN und nur einfach belegt ist die Begründung des Verbots: Nach der deutschsprachigen Übersichtsdarstellung fiel die Ortgies deshalb unter die Rüstungsbeschränkungen, weil sie sich durch bloßen Laufwechsel auf 9 mm kurz umstellen ließ und das Magazin beide Patronen aufnahm. Die zugehörige Beschränkung — keine Läufe im Kaliber 9 mm und darüber, keine Lauflängen ab 100 mm — ist hier NUR aus Sekundär- und Forendarstellungen bekannt und NICHT am Vertragstext oder an einer Verfügung der Interalliierten Kontrollkommission geprüft. Die Zuordnung ist plausibel und nicht gesichert. ÜBERSCHLAG DIESES REGISTERS und kein Quellenwert ist die im Textteil gerechnete Verschlussbewegung von rund einem bis gut zwei Millimetern bis zum Mündungsaustritt. Sie beruht auf Impulserhaltung und auf einer offen gelegten Annahme über die Verschlussmasse, die für diese Waffe nirgends belegt ist. Sie steht damit gegen die in der Literatur verbreitete Redeweise von „Bruchteilen eines Millimeters", die dieses Register bei anderen Masseverschlusspistolen übernommen hat; welche Darstellung zutrifft, entscheidet eine Messung und keine Formulierung. KENNZEICHNUNG UND ZUSCHREIBUNG: Frühe Erfurter Waffen tragen auf dem Schlitten die Firmenanschrift Berlin, weil die Deutsche Werke AG dort ihren Sitz hatte. Der Ort auf dem Schlitten benennt also den Konzernsitz und nicht die Fertigungsstätte. Die Abfolge der Schlittenbeschriftungen ist hier nach Sammler- und Auktionsangaben wiedergegeben und beruht NICHT auf einer Werksunterlage.

So funktioniert sie

Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.

Im Ablauf ist die Ortgies eine gewöhnliche Taschenpistole. Der Lauf steht fest im Griffstück, und nichts verhakt ihn mit dem Verschlussstück dahinter; was das hintere Laufende im Augenblick des Schusses zuhält, ist allein das Gewicht dieses Stücks und die Kraft einer Feder, die um den Lauf herum liegt. Der Rückstoß muss diese Masse erst in Bewegung bringen, und bis sie in Fahrt kommt, hat das Geschoss den Lauf verlassen. Dann läuft das Verschlussstück zurück, zieht die leere Hülse heraus, wirft sie aus und spannt dabei den federgetriebenen Stift, der die Patrone zündet; ein von außen sichtbarer Schlaghebel, wie ihn ältere Pistolen tragen, fehlt. Die Feder schiebt das Verschlussstück wieder vor und nimmt die nächste Patrone aus dem Magazin im Griff mit. Eigen ist der Waffe ihre Sicherung, und zwar in einer Richtung, die man leicht falsch herum erzählt. Hinten am Griff sitzt ein beweglicher Hebel. Steht er heraus, sperrt er die Auslösung. Umfasst der Schütze den Griff fest, drückt er den Hebel hinein, und dort bleibt der Hebel, hörbar eingerastet, auch wenn die Hand die Waffe wieder loslässt. Von selbst sichert sich diese Pistole also nie. Sie sichert sich erst, wenn jemand den kleinen runden Knopf an der linken Seite hinten drückt; dann springt der Hebel wieder heraus. Ein Knopf, der sichert, statt zu entsichern, ist bei der Beurteilung eines Altstücks der erste Punkt, den man prüft. Derselbe Knopf öffnet die Waffe auch zum Zerlegen. Schrauben hat sie fast keine, selbst die Griffschalen hängen an einer Feder.

Heinrich Ortgies entwarf seine Selbstladepistole im Ersten Weltkrieg in Lüttich und ließ sie am 12. September 1916 patentieren. Ab 1919 fertigte er in Erfurt in eigener Regie; bis 1921 entstanden dort etwa 15.000 bis 16.000 Stück in 6,35 mm und 7,65 mm Browning. Was danach geschah, ist der eigentliche Grund für diesen Eintrag: Aus einer Kleinserie wurde eine der größten Taschenpistolenfertigungen der Weimarer Zeit, und zwar auf dem Gelände einer aufgelösten Ordonnanzfabrik.

Konstruktion

Technisch ist die Ortgies der Normalfall ihrer Klasse. Der Lauf steht fest, verriegelt wird nichts, der Schlitten umfasst den Lauf, und die Schließfeder liegt konzentrisch um ihn. Diese Anordnung stammt vom Browning-Modell 1910 und ist um 1920 europäischer Standard; die deutschsprachige Übersichtsdarstellung leitet die Ortgies ausdrücklich davon ab. Ungewöhnlich sind zwei Entscheidungen, und beide betreffen nicht den Verschluss, sondern die Handhabung: die Sicherung und die Zerlegung.

Der Verschluss selbst gibt wenig her, aber eine Größe daran lohnt die Nachrechnung, weil sie an jedem Masseverschluss dieselbe ist und selten ausgeschrieben wird.

Eigene Rechnung, keine Quellenaussage. Solange Geschoss und Verschluss vom selben Gasdruck auseinandergetrieben werden, gilt Impulserhaltung: Der Verschlussweg verhält sich zum Geschossweg wie die Geschossmasse zur Verschlussmasse. Für die 7,65 mm Browning wiegt das Geschoss 4,75 g, der Geschossweg im Lauf beträgt bei 87 mm Lauflänge und 17 mm Hülsenlänge rund 70 mm. Die Masse des Verschlussstücks ist für die Ortgies nirgends angegeben; für eine Waffe von 640 g Gesamtgewicht liegt sie in der Größenordnung von 150 bis 250 g. Daraus folgt ein Verschlussweg von rund 1,3 bis 2,2 mm bis zum Mündungsaustritt. Die Rechnung vernachlässigt zweierlei, und zwar in entgegengesetzter Richtung: den Impuls der mitströmenden Pulvergase, der den Weg vergrößert, und Federkraft und Reibung, die ihn verkleinern. Beide Anteile sind klein gegenüber dem Geschossimpuls. Das Ergebnis hängt vor allem an der angenommenen Verschlussmasse und ersetzt keine Messung.

Was daraus folgt, ist praktisch. Die Hülse steht beim Mündungsaustritt bereits ein bis zwei Millimeter aus dem Lager, und so weit muss die Lagerwandung sie noch stützen. Ein aufgeriebenes, ausgeschlagenes oder falsch abgesetztes Patronenlager zeigt sich bei dieser Bauart deshalb zuerst an der Hülse und nicht an der Waffe. Die verbreitete Redeweise, ein Masseverschluss bewege sich in der Druckphase nur um „Bruchteile eines Millimeters”, trifft die Größenordnung nicht ganz; sie stimmt für schwere Verschlüsse an schwachen Patronen und wird bei 9 mm kurz in derselben Waffe noch ungenauer.

Die Griffsicherung, die gedrückt bleibt

Hier liegt der Kern des Eintrags, und hier stand in der früheren Fassung dieses Registers der Vorgang verkehrt herum. Die Berichtigung ist keine Formulierungsfrage: Sie betrifft die Sicherheit im Umgang mit dem Stück.

Am Griffrücken sitzt ein beweglicher Hebel. In der herausstehenden Stellung sperrt er mechanisch den Weg der Abzugsstange zum Schlagbolzenfang; die Waffe ist gesichert. Bis hierher gleicht das der Colt 1903 und dem Browning 1910. Der Unterschied kommt danach.

Die Griffsicherung, die gedrückt bleibt
Colt 1903 / Browning 1910Ortgies
Griff umfassenHebel wird eingedrückt, Waffe feuerbereitHebel wird eingedrückt, Waffe feuerbereit
Hand loslassenFeder schiebt den Hebel heraus, Waffe sichert sich selbstRast hält den Hebel innen, Waffe bleibt entsichert
Sicherngeschieht selbsttätignur durch Druck auf den Knopf links hinten
Zweite SicherungHebelsicherung vorhandenkeine

Eine abgelegte Ortgies ist also im Regelfall entsichert, und zwar dauerhaft. Wer die Waffe aus der Erwartung heraus bedient, die andere Taschenpistolen derselben Jahre erzeugen, hält den Knopf für den Entsicherungsknopf und tut dann genau das Falsche: Er sichert die Waffe, wenn er schießen will, und lässt sie entsichert, wenn er sie weglegt.

Ein Detail bleibt in den Quellen ungeklärt und ist hier nicht überspielt. Übereinstimmend berichtet wird, dass der Hebel nach dem Knopfdruck hörbar herausspringt und dass er bei entspanntem Schlagbolzen überhaupt nicht heraustritt. Woher die Kraft dafür kommt, sagen die Darstellungen verschieden: Eine spricht von Federkraft bei gespannter Waffe, eine andere bestreitet eine eigene Feder ausdrücklich. Aufgelöst ist das hier nicht.

Der zweite Handgriff hängt am selben Knopf. Die Ortgies kommt weitgehend ohne Schrauben aus; selbst die Griffschalen hängen an einem federnden Halter im Magazinschacht. Zum Zerlegen wird der Verschluss so weit zurückgezogen, bis die hintere Griffrille mit dem Ende des Griffstücks fluchtet, dann der Knopf gedrückt, das Verschlusshinterteil angehoben und der Verschluss nach vorn abgezogen. Werkzeug braucht es nicht. Fertigungstechnisch ist das eine Massenfertigungsentscheidung, denn jede eingesparte Schraube ist ein Arbeitsgang weniger bei einer Waffe, von der Hunderttausende gebaut werden sollten.

Entwicklung

Die Ortgies beantwortet keine militärische Forderung. Sie entsteht in einer Marktlücke, die der Krieg geschaffen hatte, und wird von einer Beschränkung getroffen, die derselbe Krieg hinterließ.

Der Entwurf fällt nach der englischsprachigen Darstellung in die Lütticher Zeit des Konstrukteurs, das Patent auf den 12. September 1916. Gefertigt wurde erst nach dem Krieg. Der Zeitpunkt ist kein Zufall: Der zivile Markt für kleine Selbstladepistolen wuchs in der frühen Weimarer Republik erheblich, während der Behördenmarkt für deutsche Hersteller weitgehend verschlossen war.

Der Kaliberwechsel wurde dabei zum Verhängnis. Nach der deutschsprachigen Darstellung ließ sich eine Ortgies bereits ab 1920 durch bloßen Laufwechsel von 7,65 mm Browning auf 9 mm kurz umstellen, und dasselbe Magazin nahm beide Patronen auf. Gegen die alliierten Rüstungsbeschränkungen, die Läufe ab 9 mm Kaliber und ab 100 mm Länge untersagten, war das kein zulässiger Zustand. Die Fertigung wurde daraufhin unterbunden. Für die Frage, ob die Beschränkung an dieser Stelle wörtlich so lautete, siehe die Belegnotiz; geprüft ist der Vertragstext hier nicht.

Fertigung

1921 übernahmen die Deutschen Werke am Standort der ehemaligen Königlich Preußischen Gewehrfabrik Patent und Maschinen. Bis Anfang 1924 entstanden dort rund 400.000 Pistolen. Ab etwa Seriennummer 20.000 traten Waffen im Kaliber 9 mm kurz hinzu.

Die Zahlen gehen allerdings nicht auf.

Fertigung
AngabeQuelleBezug
rund 15.000 bis 16.000de- und englischsprachige DarstellungenEigenfertigung Ortgies & Co. bis 1921
rund 400.000drei Darstellungen übereinstimmendDeutsche Werke, Erfurt, 1921 bis 1923/24
rund 446.000deutschsprachige ÜbersichtsdarstellungGesamtfertigung, davon 183.000 in 6,35 mm

Rund 15.000 plus rund 400.000 ergeben rund 415.000 und nicht 446.000. Die Differenz von gut 30.000 Stück ist zu groß für eine Rundung und zu klein für eine ganze Fertigungsphase. Ohne Werksunterlagen ist der Widerspruch nicht auflösbar; dieser Eintrag führt deshalb weiterhin die gerundete Erfurter Größenordnung und nennt die Gesamtzahl daneben.

Auch das Ende ist unscharf. Genannt werden der 1. September 1923 und „Anfang 1924”. Möglich ist eine Lücke zwischen Fertigungsstopp und Abverkauf der Restserie, wie sie der Herstellereintrag bereits vermerkt.

Varianten

Getrennt werden die Ausführungen nach Kaliber, nach Schlittenbeschriftung und nach Griffmedaillon. Belastbar ist davon nur das Kaliber; die beiden anderen Reihen stammen aus Sammler- und Auktionsangaben.

  • 6,35 mm Browning. Die kleinste und nach der deutschsprachigen Darstellung mit rund 183.000 Stück die häufigste Ausführung. Rund 133 mm lang, 69 mm Lauf, rund 400 g.
  • 7,65 mm Browning. Die Grundausführung des Entwurfs, rund 165 mm lang, 87 mm Lauf, acht Patronen.
  • 9 mm kurz. Ab etwa Seriennummer 20.000, sieben Patronen, im Übrigen baugleich. Genau diese Ausführung machte die Waffe zum Gegenstand der alliierten Beanstandung.

Die Schlittenbeschriftung wandert nach Sammlerangaben von „Ortgies-Patent / Deutsche Werke Aktiengesellschaft Berlin” über kürzere Berliner Fassungen zu „Deutsche Werke — Werk Erfurt”. Das Griffmedaillon trägt zuerst das Monogramm H.O. für Heinrich Ortgies, später ein Zeichen der Deutschen Werke. Ausführungen sind brüniert oder vernickelt.

Für die Bestimmung

Die Ortgies ist ein Massenerzeugnis ohne Abnahmestempel, und gerade deshalb ist die Reihenfolge der Prüfschritte wichtig. Sie beginnt nicht bei der Nummer.

  1. Die Sicherung, vor allem anderen. Zuerst Magazin heraus, Verschluss zurück, Lager ansehen. Erst danach die Griffsicherung prüfen: Steht der Hebel heraus? Rastet er beim Eindrücken hörbar ein und bleibt er dann drin? Springt er auf Knopfdruck wieder heraus? Fällt einer der drei Punkte aus, ist die Sicherungsfunktion nicht gegeben. Am häufigsten fehlt die Rückkehr in die sichernde Stellung, weil die Rast ausgeschlagen ist.
  2. Der Sperrfortsatz. Bei herausstehendem Hebel darf der Abzug nicht auslösen. Löst er aus, sperrt die Sicherung nicht mehr, obwohl sie äußerlich in Ordnung aussieht. Der gefährlichste Befund an dieser Waffe, weil er unsichtbar ist.
  3. Der Schlagbolzen. Weil der Zusammenbau ohne Kenntnis des Kniffs zum Verkanten führt, ist die Bolzenspitze auf Stauchung und die Führung auf Grat anzusehen. Nachgeschliffene Spitzen sind an ihrer Form erkennbar und erklären Zündversager, die sonst der Munition zugeschrieben werden.
  4. Der Ort auf dem Schlitten. Frühe Erfurter Waffen tragen die Anschrift Berlin, weil die Deutsche Werke AG dort ihren Sitz hatte. Der Ort auf dem Schlitten benennt hier den Konzernsitz und nicht die Fertigungsstätte — ein Lehrstück zu der Regel, dass ein Ort kein Betrieb ist. Wer aus „Berlin” auf eine Berliner Fertigung schließt, schreibt die Waffe dem falschen Werk zu. Siehe Methodik.
  5. Griffschalen und Medaillon. Im Regelfall sitzen die Schalen ohne Schraube auf einem federnden Halter im Magazinschacht; die englischsprachige Darstellung kennt daneben einzelne Stücke mit einer Schraube, eine Schraube allein ist also kein Fremdteilbefund. Originale Schalen mit Medaillon sind gesucht, Nachbauten und Ersatzschalen entsprechend häufig. Ein Medaillon, das nicht zur Schlittenbeschriftung passt, ist kein Fälschungsbeweis, aber ein Anlass zum Nachfragen: Zusammengesetzte Stücke sind bei einer schraubenlosen Waffe besonders leicht herzustellen.
  6. Das Magazin. Frühe Magazine tragen nach der englischsprachigen Darstellung auf der einen Seite die Angabe für 7,65 mm, auf der anderen die für 9 mm, jeweils mit einer Lochreihe für den Füllstand — die Angaben stehen also auf dem Magazinkörper und nicht auf dem Boden. Ein solches Magazin in einer 6,35-mm-Waffe gehört nicht dorthin.
  7. Der Beschussstempel. Krone über N auf der rechten Schlittenseite ist der zu erwartende zivile Nitro-Beschuss. Fehlt er vollständig, ist die Waffe entweder nicht durch den deutschen Beschuss gegangen oder überarbeitet worden. Siehe Stempelkunde.

Was an dieser Waffe gern nachträglich ergänzt wird, ist selten die Waffe selbst. Es sind die Griffschalen, das Magazin und, bei Behördenstücken, die Zuschreibung: Eine Ortgies mit Behördenkennzeichnung ist wertvoller als eine ohne, und die Kennzeichnung sitzt in weichem Stahl an leicht zugänglicher Stelle. Bei jedem angeblichen Behördenstück ist deshalb die Stempelqualität mit der Serienbeschriftung zu vergleichen.

Einordnung

Die Ortgies ist eine zivile Waffe und gehört nicht zum militärisch-behördlichen Kernbereich. Sie steht hier aus zwei Gründen.

Erstens dokumentiert sie den Konversionsdruck des Versailler Vertrags am Objekt. Ein ehemaliger Ordonnanzfertiger weicht auf zivile Massenware aus und wird auch dabei gestoppt, und zwar an einem Detail, das aus Fertigungssicht eine Bequemlichkeit war: der Wechsellauf. Die Deutschen Werke gingen danach zu Schreibmaschinen über.

Zweitens steht sie am Beginn einer Verschiebung, die dieses Register an anderer Stelle als Thüringer Leistung führt. Bei der Ortgies liegt das Eigentliche nicht mehr im Verschluss, den alle Häuser gleich bauten, sondern in der Bedienung. Neun Jahre später beantwortet die Walther PP in Zella-Mehlis dieselbe Frage, in welchem Zustand man eine geladene Selbstladepistole trägt, mit Spannabzug, Entspannhebel und Ladeanzeige — und diese Antwort setzte sich weltweit durch. Die Erfurter Antwort setzte sich nicht durch. Sie ist gleichwohl der frühere Versuch, und sie zeigt, dass die Frage in der Region gestellt wurde, bevor Walther sie beantwortete.

Eine Wertung liegt darin nicht. Die einrastende Griffsicherung ist keine Vorstufe des Spannabzugs, sondern ein anderer Weg, der in eine Sackgasse führte: Sie spart dem Schützen das wiederholte Zudrücken und nimmt ihm dafür die selbsttätige Sicherung ab. Genau diese Abwägung fiel 1929 in Zella-Mehlis anders aus.

Waffenrechtliches

Die Ortgies ist eine halbautomatische Kurzwaffe und keine Kriegswaffe; das Kriegswaffenkontrollgesetz greift nicht. Für Erwerb und Besitz gilt das Waffengesetz; eine Freistellung als Altwaffe kommt nicht in Betracht, weil die Konstruktion weit nach 1871 liegt. Dieses Register gibt keine Rechtsauskunft. Siehe Methodik.

Ein Hinweis, der über das Recht hinausgeht und den Umgang betrifft: Bei dieser Waffe ist der äußere Zustand der Sicherung kein Beleg für ihre Funktion. Die Prüfung erfolgt an der entladenen Waffe und über die Funktionsprobe, nicht über den Augenschein.

Zu klären. Erstens die Wirkungsweise der Rückstellkraft an der Griffsicherung, an einem zerlegten Stück in Minuten zu entscheiden. Zweitens die Stückzahlen: Welche der beiden Zahlenreihen stimmt, und gibt es Erfurter Ausbringungsnachweise? Drittens das Datum des Fertigungsstopps und die zugehörige alliierte Verfügung im Wortlaut. Viertens die Seriennummernblöcke je Kaliber, für die bislang nur Sammlerlisten vorliegen.

Konstruktion

Verschluss
Unverriegelter Masseverschluss bei feststehendem Lauf. Lauf und Verschlussstück sind an keiner Stelle miteinander verhakt; gehalten wird der Verschluss allein durch seine Trägheit und die um den Lauf gelegte Schließfeder. Die Bauform folgt der Browning-Linie der Jahre um 1910: Der Schlitten umfasst den Lauf, die Schließfeder sitzt konzentrisch darauf.
Ladeprinzip
Rückstoßlader, unverriegelt (Blowback), aufschießend, ohne Gasentnahme und ohne Laufrücklauf. Verriegelungsart und Ladeprinzip fallen hier zusammen, weil es keine Verriegelung gibt — das ist der Normalfall der Taschenpistolenklasse und zugleich ihre Leistungsgrenze.
Zuführung
Einreihiges Stangenmagazin, Halteknopf am Griffboden. Nach mehreren Darstellungen nahm dasselbe Magazin sowohl 7,65 mm Browning als auch 9 mm kurz auf; frühe Magazine tragen die beiden Kaliberangaben auf den BEIDEN SEITEN des Magazinkörpers, jeweils neben einer Lochreihe für den Füllstand — nicht auf dem Magazinboden
Abzug
Schlagbolzenschloss, Single Action. Gespannt wird ausschließlich durch den zurücklaufenden Verschluss; ein Spannen von Hand ist nicht vorgesehen
Sicherung
Einzige Sicherungseinrichtung ist die Griffsicherung am Griffrücken, und sie arbeitet umgekehrt zur verbreiteten Bauart: Einmal eingedrückt, RASTET sie in der gelösten Stellung ein und bleibt dort. Zurück in die sichernde Stellung bringt sie nur ein Druckknopf an der linken Griffstückseite hinten. Keine Hebelsicherung, keine Magazinsicherung, keine Ladeanzeige
Visierung
Feste Kimme und Korn, flach in den Verschluss eingearbeitet

Maße und Leistung

Länge
Je Kaliber verschieden. Die deutschsprachige Übersichtsdarstellung nennt eine Spanne von 133 mm (6,35 mm Browning) bis 165 mm (7,65 mm Browning und 9 mm kurz)
Lauflänge
69 mm (6,35 mm) bis 87 mm (7,65 mm und 9 mm kurz)
Gewicht
400 g (6,35 mm) bis 640 g (7,65 mm). Für eine Taschenpistole der 7,65-mm-Klasse liegt der obere Wert hoch; ein gewogenes Stück lag diesem Register nicht vor
Magazin
6 Patronen (6,35 mm), 8 Patronen (7,65 mm), 7 Patronen (9 mm kurz). Eine Darstellung nennt für die 6,35-mm-Ausführung abweichend 7 Patronen
V₀
Nicht belegt. Für diese Waffe liegt in den eingesehenen Quellen kein Messwert vor; die Klasse arbeitet bei 7,65 mm Browning in der Größenordnung von 290 m/s, was hier ausdrücklich nur als Klassenwert und nicht als Angabe für die Ortgies steht

Funktionsablauf im Einzelnen

Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.

  1. 1

    Ausgangslage — Verschluss vorn, Sicherung heraus

    Das Verschlussstück liegt am hinteren Laufende an; die Schließfeder ist um den Lauf gelegt und stützt sich vorn im Griffstück ab, eine eigene Führungsstange gibt es nicht. Der Schlagbolzen steht in seiner Fangrast. Der Hebel im Griffrücken ragt heraus und sperrt mit einem Fortsatz MECHANISCH DEN FANG — so ausdrücklich die eingesehene Beschreibung; ob der Fortsatz am Fang selbst oder an der Abzugsstange angreift, ist damit nicht entschieden und hier nicht behauptet. Der Abzug lässt sich bewegen, löst aber nicht aus. Heraus tritt der Hebel nach den vorliegenden Angaben nur bei gespanntem Schlagbolzen.

  2. 2

    Entsichern durch Umfassen — und die Rast

    Der Handballen drückt den Hebel in den Griffrücken. Bei der Colt- und Browning-Bauart endet der Vorgang hier: Lässt die Hand los, schiebt eine Feder den Hebel wieder heraus, die Waffe sichert sich selbst. Bei der Ortgies fasst ihn stattdessen eine Rast und hält ihn hörbar in der eingedrückten, also GELÖSTEN Stellung. Die Sperre vor der Abzugsstange ist damit weg und bleibt weg — über Ablegen, Einstecken und Magazinwechsel hinweg.

  3. 3

    Auslösen

    Der Abzug wirkt über eine Abzugsstange auf den Schlagbolzenfang; der Fang gibt den Schlagbolzen frei, dessen Feder ihn gegen das Zündhütchen treibt. Wo die Stange im Griffstück verläuft, ist hier nicht belegt. Ein Hahn ist nicht beteiligt, ein Spannen von Hand nicht vorgesehen. Wer eine abgeschlagene Ortgies schussbereit machen will, muss repetieren und gibt dabei die Patrone im Lager preis.

  4. 4

    Zündung und Trägheitsphase

    Der Gasdruck presst den Hülsenboden gegen den Stoßboden. Gehalten wird der Verschluss in dieser Phase im Wesentlichen durch seine Masse — die Federkraft ist gegen den Gasdruck vernachlässigbar klein und wirkt erst auf dem langen Rücklauf; er weicht sofort zurück, nur langsam. Wie weit, folgt aus der Impulserhaltung: Verschlussweg und Geschossweg verhalten sich umgekehrt wie ihre Massen. Für die 7,65 mm Browning ergibt das rund einen bis gut zwei Millimeter bis zum Mündungsaustritt (Rechnung im Textteil). So weit steht die Hülse dann aus dem Lager, und so weit muss die Lagerwandung sie stützen.

  5. 5

    Auszug ohne Vorentspannung

    Einen Erstauszug kennt die Bauart nicht. Der Verschluss dreht nicht, und die Hülse wird gezogen, während sie noch anliegt. Bei den niedrigen Drücken der Browning-Patronen genügt dafür die Elastizität der Messinghülse; ein genutetes Patronenlager wie bei den verzögerten Masseverschlüssen der Gewehrklasse hat diese Waffe nicht. Die federbelastete Auszieherkralle hält den Hülsenrand vom Zuführen bis zum Auswurf.

  6. 6

    Auswerfen

    Am Ende des Rücklaufs trifft der Hülsenboden auf den Auswerfer, die Hülse dreht sich um die Kralle und kippt aus dem Fenster. Bleibt der Auswurf aus, ist zuerst zu prüfen, ob der Verschluss bis an den Anschlag zurückläuft; erst danach sind Auswerfer und Krallenfeder an der Reihe.

  7. 7

    Spannen und Unterbrechen

    Der zurücklaufende Verschluss drückt den Schlagbolzen in die Fangrast. Zugleich wird die Abzugsstange von einer Fläche am Verschluss niedergedrückt und verliert den Eingriff — der Unterbrecher. Solange der Finger den Abzug hält, greift sie nicht wieder ein; erst das Loslassen lässt ihre Feder sie zurückstellen. Eine Ortgies, die bei gehaltenem Abzug nachschießt, hat ein Problem an Abzugsstange oder Fangrast.

  8. 8

    Vorlauf, Zuführwinkel und Patronenlage

    Die Schließfeder treibt vor. Der Stoßboden nimmt die oberste Patrone aus dem einreihigen Magazin; der Zubringer hält sie mit der Spitze leicht nach oben geneigt, und sie gleitet über die Zuführrampe ins Lager. Der Winkel ist auf die schlanke 7,65 mm Browning ausgelegt; die stumpfe 9 mm kurz nimmt denselben Weg mit größerem Geschossdurchmesser.

  9. 9

    Sichern und Zerlegen — derselbe Knopf

    Ein Druck auf den runden Knopf links hinten am Griffstück löst die Rast; der Hebel springt heraus und sperrt die Abzugsstange wieder. Derselbe Knopf ist der Zerlegeknopf: Magazin heraus, Verschluss zurückziehen, bis die hintere Griffrille mit dem Ende des Griffstücks fluchtet, Knopf drücken, Verschlusshinterteil anheben, Verschluss nach vorn abziehen.

Masseverschluss — unverriegelter Rückstoßlader

Schemaskizze, nicht maßstäblich

1 2 3
  1. 1 Verschlussruhelage: Die Schließfeder presst den Verschluss gegen den feststehenden Lauf. Verriegelt ist nichts — es hält allein die Masse.
  2. 2 Schuss: Der Gasdruck treibt Geschoss und Hülse auseinander. Der Verschluss beginnt zurückzuweichen, bewegt sich wegen seiner Trägheit aber nur wenige Zehntelmillimeter, bis das Geschoss den Lauf verlassen hat.
  3. 3 Rücklauf: Erst nach dem Druckabfall öffnet der Verschluss weit, wirft die Hülse aus und spannt die Feder.

Vergleichsstücke außerhalb der Region

Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.

Colt Model 1903 Pocket Hammerless

Colt's Patent Fire Arms Manufacturing Company · USA · 1903
System
Unverriegelter Masseverschluss, 7,65 mm Browning, verdecktes Schlagstück, federbelastete Griffsicherung, zusätzlich Hebelsicherung
Unterschied
Das internationale Vorbild der Gattung und konstruktiv nah verwandt. Der Unterschied liegt in der Richtung, in der die Griffsicherung arbeitet: Bei der Colt schiebt eine Feder den Hebel heraus, sobald die Hand loslässt, die Waffe sichert sich also selbst. Bei der Ortgies rastet der Hebel in der gelösten Stellung ein, und gesichert wird nur durch den Druckknopf an der linken Seite. Die Colt hat zusätzlich eine Hebelsicherung, die Ortgies keine.
Befund
Der Vergleich zeigt, dass die Erfurter Konstruktion kein Nachbau war, sondern in der Handhabung eine eigene Entscheidung traf. Bezahlt wird sie damit, dass die Waffe sich erklären lassen muss — und dass die falsche Erwartung hier unmittelbar sicherheitsrelevant ist.

FN Browning Modell 1910

Fabrique Nationale de Herstal · Belgien · 1910 plausibel
System
Unverriegelter Masseverschluss, Schließfeder konzentrisch um den Lauf, Schlagbolzenschloss, DREI Sicherungen (Griffsicherung, Hebelsicherung, Magazinsicherung — in der englischsprachigen Darstellung als „triple safety" geführt), 7,65 mm Browning und 9 mm kurz
Unterschied
Die unmittelbare Bauvorlage. Von ihr stammen die um den Lauf gelegte Schließfeder, der den Lauf umfassende Schlitten und die Kaliberpaarung. Die deutschsprachige Übersichtsdarstellung leitet die Ortgies ausdrücklich von diesem Muster ab. Geändert hat Ortgies vor allem die Bedienung: EINE Sicherung statt dreier, dafür mit Rast und Löseknopf, und eine Zerlegung ohne Werkzeug. Weder Hebel- noch Magazinsicherung der Vorlage wurden übernommen.
Befund
Ein Beispiel dafür, wie schmal der konstruktive Spielraum in dieser Waffenklasse um 1920 war. Neu ist nicht der Verschluss und nicht die Patrone, neu ist die Bedienlogik — dieselbe Verschiebung, die neun Jahre später in Zella-Mehlis die Walther PP prägte.

Walther Modelle 1 bis 9

Carl Walther · Deutschland (Zella-Mehlis) · 1908
System
Unverriegelte Masseverschluss-Taschenpistolen, 6,35 und 7,65 mm Browning
Unterschied
Die zeitgleiche thüringische Konkurrenz aus Zella-Mehlis, in derselben Klasse und denselben Kalibern. Beide Häuser bedienten den zivilen Massenmarkt, der unter den Versailler Beschränkungen zur wirtschaftlichen Grundlage wurde. Walther blieb dabei durchweg bei Hebelsicherungen und kam 1929 mit der PP zum Spannabzug; die Erfurter Linie brach 1924 ab.
Befund
Erfurt und Zella-Mehlis konkurrierten hier unmittelbar. Der Ausgang ist bekannt und hat wenig mit Konstruktion zu tun: Walther durfte weiterfertigen, das Erfurter Werk nicht.

Bekannte Schwächen

Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.

  • Die Sicherung bleibt gelöst — und niemand rechnet damit

    Die Griffsicherung rastet beim ersten festen Umfassen in der gelösten Stellung ein und bleibt dort, bis der Druckknopf an der linken Seite betätigt wird. Eine abgelegte, eingesteckte oder weitergereichte Ortgies ist deshalb im Regelfall ENTSICHERT, obwohl der Hebel am Griffrücken für den Kenner anderer Taschenpistolen das Gegenteil suggeriert. Wer die Bedienung von Colt oder Browning herleitet, hält den Löseknopf für einen Entsicherungsknopf und dreht die Logik damit genau um. Für die Beurteilung eines Altstücks ist das der erste zu prüfende Punkt, noch vor dem Ladezustand.

    plausibel

  • Nur Single Action, keine Ladeanzeige, keine Spannanzeige

    Der Ladezustand ist am geschlossenen Verschluss nicht ablesbar, der Spannzustand des Schlagbolzens ebenso wenig. Die Zustandsanzeige, die die Walther PP 1929 einführte, fehlt hier noch, ebenso die Spannanzeige der Dreyse M1907. Die einzige Rückmeldung, die die Waffe gibt, ist die Stellung der Griffsicherung — und die zeigt nach den Sammlerangaben lediglich an, ob der Schlagbolzen gespannt ist, nicht ob eine Patrone im Lager liegt.

    plausibel

  • Die Rast der Griffsicherung ist eine Verschleißstelle

    Die gesamte Sicherungsfunktion hängt an einer einzigen kleinen Rastfläche und an dem Fortsatz, der den Fang sperrt. Beide sind klein, weil die Waffe klein ist. Ist die Rast ausgeschlagen, springt der Hebel bei Erschütterung heraus und blockiert die Waffe im ungünstigen Augenblick; ist der Sperrfortsatz abgenutzt oder verbogen, sperrt der herausstehende Hebel nicht mehr, und die Sicherung ist wirkungslos, ohne dass man ihr das von außen ansieht. Der Ersatzteilhandel führt für diese Baugruppe eigene Instandsetzungslösungen, was für die Häufigkeit des Befundes spricht. Geprüft wird durch Funktionsprobe an der leeren Waffe, nicht durch Ansehen.

    plausibel

  • Der Zusammenbau beschädigt mehr Waffen als der Gebrauch

    Zerlegt ist die Ortgies in Sekunden und ohne Werkzeug. Zusammengesetzt wird sie nur, wenn der Schlagbolzen in eine Ausnehmung des Verschlusses gedreht und dort gehalten wird, während das Verschlussstück aufgeschoben wird. Wer den Kniff nicht kennt, verkantet den Schlagbolzen und staucht ihn oder die Führung. An erhaltenen Stücken ist deshalb der Schlagbolzen mit anzusehen — ein gestauchter oder nachgeschliffener Bolzen erklärt Zündversager, die man sonst der Munition zuschreibt.

    plausibel

  • Griffschalen ohne Schrauben — bequem, aber leicht verloren

    Die Griffschalen werden in aller Regel nicht verschraubt, sondern von einem federnden Halter im Magazinschacht gefasst. Für die Großserie war das eine Ersparnis, für den Bestand eine Schwachstelle: Ist der Halter erlahmt oder gebrochen, sitzen die Schalen lose oder fehlen. Originale Schalen tragen ein eingesetztes Medaillon und sind entsprechend gesucht, was den Anreiz zum Ersatz erhöht (siehe Für die Bestimmung).

    plausibel

  • 9 mm kurz an der Systemgrenze

    Der unverriegelte Masseverschluss hält nur so lange, wie Verschlussmasse und Federkraft zur Patrone passen. Bei 9 mm kurz liegt die Ortgies am oberen Ende dessen, was eine Waffe dieser Größe verträgt; Verschlussweg und Rückstoßempfinden nehmen deutlich zu, ohne dass an der Bauart etwas verstärkt worden wäre. Die belegte Tatsache, dass dasselbe Magazin beide Patronen aufnahm und der Lauf getauscht werden konnte, zeigt, dass hier nicht neu ausgelegt, sondern umgesteckt wurde.

    plausibel

Verwendung

  • Ziviler Massenmarkt der Weimarer Zeit, im In- und Ausland; nach der deutschsprachigen Übersichtsdarstellung auch auf Schießveranstaltungen verbreitet
  • In geringem Umfang behördlich beschafft. Belegt sind Waffen mit Kennzeichnung der Reichsfinanzverwaltung aus dem Auktionsbestand; deutsche Polizeien und einzelne europäische Behörden werden in Übersichtsdarstellungen genannt. Der Umfang ist hier NICHT erfasst und stützt sich auf keine Beschaffungsakte
  • Als Ordonnanzwaffe nirgends eingeführt. Der Eintrag führt die Waffe deshalb als zivil, obwohl einzelne Behördenstücke bekannt sind

Quellen

  1. [Online] Wikipedia (de) Ortgies-Pistole , Patent 12. September 1916, Ableitung vom Browning-Modell 1910, Eigenfertigung rund 15.000 Stück bis 1921, Übernahme durch die Deutsche Werke AG, Gesamtzahl rund 446.000 (183.000 in 6,35 mm, 263.000 in 7,65 mm und 9 mm kurz), Maße 133 bis 165 mm Gesamtlänge, 69 bis 87 mm Lauflänge, 400 bis 640 g, Magazine zu 6, 8 und 7 Patronen, Kaliberumstellung durch Wechsellauf ab 1920 und Magazin für beide Patronen, Einstellung der Fertigung 1923 Link
  2. [Online] American Rifleman I Have This Old Gun: The Ortgies Pistol , rund 16.000 Stück Eigenfertigung, rund 400.000 bei den Deutschen Werken von 1921 bis Anfang 1924, Einstellung durch die Alliierten wegen des Versailler Vertrags, weitgehend schraubenlose Bauweise, Griffschalen durch Federn gehalten, Griffsicherung wird durch Umfassen gedrückt und über einen seitlichen Knopf wieder in die Sicherungsstellung gebracht Link
  3. [Online] Wikipedia (en) Ortgies semi-automatic pistol , Entwurf in Lüttich während des Ersten Weltkriegs, Fertigung ab 1919 in Erfurt, Übergang an die Deutschen Werke 1921, Griffsicherung als in den Griffrücken eingelassener Hebel, der bei gespannter Waffe durch Federkraft in die Sicherungsstellung heraustritt, Bauweise ohne Schrauben, Griffschalen über einen federnden Halter im Magazinschacht gefasst, frühe Magazine mit Kaliberangaben für 7,65 mm und 9 mm auf beiden Seiten, Ausführungen brüniert oder vernickelt Link
  4. [Online] The Alternate Reality (Montgomery) The Ortgies Patent Deutsche Werke Pistol , Einzige Sicherungseinrichtung ist die Griffsicherung; sie sperrt in der herausstehenden Stellung mechanisch den Fang. Sie ist NICHT federbelastet im Sinne der Colt-Bauart und tritt nicht selbsttätig heraus, sondern rastet im gedrückten Zustand ein, bis der Knopf am Griffstück links hinten gedrückt wird; derselbe Knopf dient dem Zerlegen. Schlagbolzenschloss mit Federantrieb, einfacher Masseverschluss, Griffschalen mit Medaillon (H.O. für Ortgies, später ein stilisiertes Zeichen der Deutschen Werke), Magazinhalter am Griffboden, Zusammenbau nur bei in eine Ausnehmung gedrehtem Schlagbolzen möglich Link
  5. [Online] Erfurter Waffengeschichte Deutsche Werke AG Erfurt — Ortgies-Pistolen , Erfurter Fertigung, 9-mm-kurz-Ausführung ab etwa Seriennummer 20.000 Link
  6. [Auskunft] Sammler- und Auktionsangaben Schlittenbeschriftungen und Griffmedaillons der Ortgies , Abfolge der Schlittenbeschriftungen von „Ortgies-Patent / Deutsche Werke Aktiengesellschaft Berlin" über „Deutsche Werke Aktiengesellschaft Berlin" und „Deutsche Werke Aktiengesellschaft Werk Erfurt" zu „Deutsche Werke — Werk Erfurt"; Beschussstempel Krone über N auf der rechten Schlittenseite; Griffmedaillon zuerst mit Monogramm H.O., später mit stilisierter Katze; frühestes bekanntes 9-mm-Stück mit Seriennummer 20515. Auktions- und Forenangaben, KEINE Werksunterlage Link
  7. [Online] Wikipedia (en), FN Modell 1910 FN Model 1910 , Drei Sicherungen am Vergleichsstück („triple safety"): Griffsicherung, Magazinsicherung und äußere Hebelsicherung; Browning-Schlagbolzenschloss. Herangezogen ausschließlich für den Vergleichsblock, nicht für Aussagen über die Ortgies Link