Stempelkunde · Magdeburg
Bodenstempel der Polte-Werke: „P", „P154", „aux", „auy"
Herstellerkennungen der größten Munitionsfabrik des Deutschen Reiches — und zugleich der Fall, an dem sich zeigt, warum ein Bodenstempel nicht einmal zuverlässig die richtige Firma benennt: Das „P" war ab 1925 ein Tarnpräfix des Heereswaffenamts. Die angehängten Zahlen bezeichnen fremde Hersteller, nicht Polte.
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Der Feldaufbau des Bodenstempels, die Materialkennungen, die Umstellung auf Buchstabencodes 1940 und die Zuordnungen `P`, `P154`, `aux` und `auy` sind mehrfach unabhängig belegt. Die Zuordnungen `auz` (Arnstadt) und `htg` (Duderstadt) stützen sich auf übereinstimmende Codelisten ohne primärarchivalische Bestätigung; `thg` ist ungeklärt und wird hier nur als offene Frage geführt. Der Beginn des P-Nummern-Systems wird in den Quellen zwischen 1925 und 1938 datiert — siehe unten.
Munition ist für dieses Register kein Nebenschauplatz. Mit Polte in Magdeburg lag die größte Munitionsfabrik des Deutschen Reiches im Untersuchungsraum, und die Patrone bestimmt die Waffe, nicht umgekehrt — nachzulesen unter Patronenklassen und Munitionsfertigung.
Der Bodenstempel ist dabei das, was die Kennzeichnung am Gewehr für die Waffe ist: der einzige Befund, der Fertiger, Werkstoff und Zeit an einem Stück zusammenführt. Er ist zugleich der Bereich, in dem sich Objektkunde ohne jede Erwerbserlaubnis betreiben lässt — leere Hülsen, inerte Exemplare und Schnittmodelle sind erlaubnisfrei und lassen sich zerlegen, vermessen und dauerhaft archivieren.
Aufbau des Bodenstempels
Ab dem P-System (unten) und über die gesamte Zeit der Buchstabencodes gilt eine feste Anordnung nach Uhrzeitpositionen:
| Position | Feld |
|---|---|
| 12 Uhr | Herstellercode |
| 3 Uhr | Hülsenwerkstoff |
| 6 Uhr | Fertigungslos |
| 9 Uhr | Fertigungsjahr, zweistellig |
Im Kaiserreich war die Belegung eine andere: In der Friedensfertigung stand der Hersteller auf 6 Uhr, das Jahr auf 3 Uhr und der Fertigungsmonat auf 9 Uhr; in der Kriegsfertigung rückte das Jahr auf 12 Uhr und die Losnummer auf 9 Uhr. Diese Positionsangabe stammt aus einer einzigen Quellenfamilie und ist hier deshalb nur als plausibel geführt.
Werkstoffkennungen auf der 3-Uhr-Position:
| Kennung | Bedeutung |
|---|---|
* bzw. S* | Messinghülse |
St, St+ | Stahlhülse, lackiert oder phosphatiert; + = erhöhte Festigkeit |
| röm. Ziffer + Kleinbuchstabe + arab. Ziffer | kupferplattierte Stahlhülse: Stahlwerk des Vormaterials, Plattierbetrieb, Stahlanalyse |
S67 (Kaiserreich) | Messing mit 67 % Kupferanteil |
Das „P” ist ein Tarnzeichen, kein Polte-Nachweis
Das ist der Kern dieses Eintrags. Nach dem Versailler Vertrag war die Munitionsfertigung weitgehend untersagt. Ein Erlass des Heereswaffenamts führte daraufhin getarnte Fertigungskennzeichen ein, die vier real existierende, legal arbeitende Betriebe als Deckadressen benutzten — für Munition war das Polte:
| Präfix | Deckadresse | Sachgebiet |
|---|---|---|
P | Polte, Magdeburg | Munition |
Rdf | WASAG | Pulver und Sprengstoff |
Rhs | Rheinmetall | Zünder |
S | Simson | Karabinerteile |
Die angehängte Zahl bezeichnet den tatsächlichen Fertiger. P131 ist deshalb nicht Polte,
sondern DWM Berlin-Borsigwalde. Nur das alleinstehende P ohne Ziffern steht für Polte
Magdeburg selbst.
Für die Bestimmungspraxis folgt daraus eine Regel, die über Polte hinausgeht: Ein Code benennt nicht den Ort — und in diesem Fall nicht einmal zuverlässig die Firma. Wer
Pund eine Zahl sieht und „Polte” liest, hat den Fertiger verfehlt. Dieselbe Fehlerklasse hat dieses Register bei den Fertigungskennzeichen ab 1940 schon einmal getroffen; siehe Korrekturen.
Belegte Zuordnungen
Vor 1940 (P-Nummern)
| Code | Fertiger | Werk | Belegtiefe |
|---|---|---|---|
P | Polte | Magdeburg | mehrfach unabhängig |
P154 | Polte | Grüneberg (Nordbahn) | mehrfach unabhängig |
P345 | Silva Metallwerke (Polte-Tochter) | Genthin | zwei Quellen |
P186 / P207 | Metallwerk Wolfenbüttel / Odertal (Polte-Töchter) | — | zwei Quellen |
Ab 1940 (Buchstabencodes)
| Code | Fertiger | Werk | Belegtiefe |
|---|---|---|---|
aux | Polte | Magdeburg | gesichert |
auy | Polte | Grüneberg | gesichert |
auz | Polte oHG | Arnstadt (Rudisleben) | plausibel |
htg | Polte oHG | Duderstadt | plausibel |
thg | — | angeblich Duderstadt | ungeklärt |
Zu thg: Die englischsprachige Fassung der verbreitetsten Quelle schreibt selbst „allegedly”, der
deutsche Beleg ist ein toter Weblink, und der Code passt in keine der dokumentierten
Vergabetranchen des Heereswaffenamts. Er wird hier geführt, damit er nicht anderswo als Faktum
weitergereicht wird — nicht, weil er belegt wäre.
Kartuschhülsen und Großmunition wurden nicht codiert, sondern im Klartext gestempelt; erhaltene Stücke tragen „Polte Magdeburg” mit ausgeschriebenem Monat und Jahr.
Drei Fehler, die durch die gesamte Sammlerliteratur laufen
Sie stammen erkennbar aus den alliierten Nachkriegs-Codelisten und werden seither abgeschrieben:
- „Grüneberg, Nordbahn, Schlesien” — falsch. Grüneberg an der Berliner Nordbahn liegt in Brandenburg (Löwenberger Land, Oberhavel). Die Verwechslung geht vermutlich auf Grünberg in Schlesien zurück.
- „Duderstadt, Westphalia” — falsch. Duderstadt liegt im Eichsfeld, heute Niedersachsen.
- „Polte Armaturen- und Maschinenfabrik A.G.” — falsche Rechtsform. Polte war oHG; so führt es auch der Archivbestand des Landesarchivs Sachsen-Anhalt.
Hinzu kommt eine Unterscheidung, die kein Stempel hergibt: Mehrere „Polte”-Werke waren ab 1934 reichseigene Anlagen, die Polte im Auftrag des Oberkommandos des Heeres nur betrieb. Der Stempel benennt den Betreiber, nicht den Eigentümer.
Offene Frage: Wann begann das P-System?
Die Quellen datieren den Beginn auf 1925 (Erlass des Heereswaffenamts), 1926, 1937 oder 1938 —
je nach Werk. Ein dokumentiertes Fundstück mit dem Kopfstempel P154 S* 31 35, also
Fertigungsjahr 1935, schließt die Spätdatierungen aus und stützt 1925/26. Als gesichert gilt
das hier noch nicht; es ist ein Einzelbefund gegen mehrere Sekundärquellen.
Zwangsarbeit
Bei Polte ist der Einsatz von Zwangsarbeit, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen an mehreren Standorten belegt und gut dokumentiert; das gehört zur Betriebsgeschichte und ist im Herstellereintrag dargestellt. Ein Bodenstempel aus dieser Zeit ist damit nicht nur ein Fertigungsnachweis, sondern auch ein Beleg dafür, unter welchen Bedingungen gefertigt wurde.
Quellen
- [Online] Wikipedia (de) — Polte-Werke Link
- [Online] Wikipedia (de) — Deutsche Fertigungskennzeichen Link
- [Online] IAA — Headstamp Codes — International Ammunition Association Link
- [Online] Taylor 2020 — German WW2 7.92 mm Headstamps — How To ID Them Link
- [Archiv] BArch RL 3/2457 — Fertigungskennzeichen für Waffen, Munition und Gerät, 1942, Generalluftzeugmeister Link
- [Archiv] LASA I 36 — Bestand „Polte oHG, Patronen-, Munitionsmaschinen- und Armaturenfabrik, Magdeburg", Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Laufzeit 1884–1948 Link
- [Online] KZ Grüneberg — Die Munitionsfabrik — Initiative KZ-Außenlager Grüneberg Link
- [Literatur] Kent — Daniel W. Kent, German 7.9 mm Military Ammunition 1888–1945, 2. rev. Aufl., Ann Arbor 1990