Modell
J. G. Anschütz Modell „Germania" (Kleinkaliber-Einzellader)
- Fertigung
- J. G. Anschütz
- Kaliber
- .22 lfB
- Zeitraum
- 1940–1943
- Belegstatus
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Gesichert sind Hersteller und Beschriftung (am Lauf bezeichnet), das Kaliber und die Bauart als Kleinkaliber-Einzellader mit Zylinderverschluss. Alle Maßangaben, der Druckpunktabzug und die Visierdaten stammen aus einer einzigen Marktbeschreibung eines Einzelstücks, nicht aus einem Werksdatenblatt; die Datierung 1940–1943 ist aus dem Beschusszeichen „Adler über N" erschlossen, das ab 1939/40 gilt. Die Sicherungsart ist nirgends beschrieben. Der Eintrag wird deshalb als ungeklärt geführt, bis Werksunterlagen oder ein zweites, unabhängig dokumentiertes Exemplar vorliegen.
So funktioniert sie
Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.
Diese Büchse funktioniert wie ein Militärgewehr im Kleinen, nur ohne Magazin. Der Verschluss ist ein Stahlzylinder, der in einer Hülse liegt und mit einem seitlichen Griff bedient wird: Griff hochdrehen, Zylinder nach hinten ziehen — dabei gibt er die Öffnung hinter dem Lauf frei und zieht, falls vorhanden, die leere Hülse heraus. Die Patrone legt man von Hand in die Öffnung; ein Magazin, aus dem sie selbsttätig nachrücken würde, gibt es nicht. Schiebt man den Zylinder wieder vor, drückt er die Patrone in den Lauf, und beim Herunterdrehen des Griffs stützt er sich in der Hülse ab, sodass er dem Gasdruck standhält. Beim Zurückziehen wurde zugleich eine Feder gespannt, die beim Auslösen den Schlagbolzen nach vorn treibt; er trifft die Patrone am Rand — nicht in der Mitte, wie bei größeren Kalibern — und zündet sie. Für jeden Schuss wiederholt sich der ganze Ablauf von Hand. Genau darin lag der Zweck: Wer damit schießen lernte, übte Handgriffe, die sich am Militärgewehr wiederfanden, verbrauchte dabei aber nur billige Kleinkalibermunition.
Anschütz ist im Register bislang nur mit den Ulmer Biathlongewehren vertreten — also mit dem, was nach dem Bruch kam. Dieser Eintrag liefert das Gegenstück aus Zella-Mehlis, und er ist absichtlich mit „ungeklärt” ausgewiesen: Er steht auf einem Einzelstück.
Drei Firmen, ein Name
Vor jeder Zuschreibung steht hier eine Abgrenzung, denn in Mehlis und Zella-Mehlis arbeiteten mehrere Betriebe des Namens Anschütz nebeneinander:
| Firma | Zeitraum | Bekannt für |
|---|---|---|
| J. G. Anschütz, Germania-Waffenwerk (ab 1923 A.G.) | 1856–1949 | Teschings, Flobertwaffen, Zimmerstutzen, Revolver — dieser Eintrag |
| Udo Anschütz Gewehrfabrik | 1886–1935 | Freie Pistolen „Record”, Aydt-Scheibenbüchsen |
| Richard/Robert Anschütz | ab 1888 | Zimmerstutzen, Pirschstutzen |
Die vielzitierten „Record”-Pistolen gehören nicht zu J. G. Anschütz, sondern zu Udo Anschütz. Das ist die häufigste Verwechslung in diesem Umfeld und ein Musterfall der Regel, dass ein Firmenname am selben Ort keine Betriebsidentität belegt — siehe Methodik.
Ebenfalls zu trennen ist der Ortsname: Gegründet wurde 1856 in Mehlis; Zella-Mehlis entstand erst 1919 durch den Zusammenschluss mit Zella St. Blasii. Bei Stücken vor 1919 ist mit der Ortsangabe „Mehlis” zu rechnen.
Kennzeichnung
Die Warenzeichen wechselten dreimal, und die Folge ist als Datierungshilfe brauchbar:
- 1856–1901 — verschlungenes Monogramm aus J, G und A, rund ausgeführt, damit es sich als kleiner Prägestempel aufbringen ließ. Vor Ort hieß das Werk deshalb schlicht „IGA”.
- ab 1901 — eine auf einer Weltkugel stehende Germania im Jugendstil. Diese Marke lief bis zur Löschung der Firma 1949.
- ab 1914 — zusätzlich die drei Initialen JGA untereinander im Kreis, in Gebrauch bis 1949.
Am Lauf des hier beschriebenen Stücks steht
J G Anschütz Germaniawaffenwerk A-G Zella-Mehlis/Thür. Das Beschusszeichen Adler über N gilt
ab 1939/40 und liefert die einzige Datierungsgrundlage — siehe Beschuss
Zella-Mehlis.
Was das Haus in Zella-Mehlis baute
Aus den Werkskatalogen lässt sich ein Programm rekonstruieren, das mit dem heutigen Bild von Anschütz wenig zu tun hat: Flobert- und Scheibenpistolen, Terzerole, Bulldog- und Taschenrevolver (etwa 1890 bis Kriegsende), der Polizei-Revolver Nr. 847, Warnant-Teschings unter dem Namen „Germania” (1880 bis Kriegsbeginn), Block-Zimmerstutzen, das Flobertgewehr „Mauserlein”, Rohrspanner-Luftgewehre Nr. 932 und 933 (1909–1939), dazu Jagd- und Scheibenbüchsen auf Mauser- und Martini-Systemen.
Nicht belegt sind Selbstladepistolen — wer in Zella-Mehlis nach 6,35-mm-Selbstladern sucht, landet bei Walther oder anderen Häusern. Ebenso wenig belegt sind Luftpistolen vor 1945; die Luftpistole ist erst das Ulmer Startprodukt von 1950.
Die Lücke 1939 bis 1945
Die Firmenchronik des Hauses springt von 1935 unmittelbar auf den April 1945. Rüstungsfertigung, Wehrmachtsaufträge und Zwangsarbeit kommen darin nicht vor. Für Zella-Mehlis als Ort ist der Einsatz von rund 8.000 Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitenden an über 110 Arbeitsstellen belegt; für die Firma Anschütz konkret gibt es dagegen keinen überprüfbaren Nachweis. Die einzige kursierende Aussage geht auf eine 2012 eingefügte, bis heute unbelegte Ergänzung eines Lexikonartikels zurück, die seither von Spiegelseiten vervielfältigt wird — die scheinbare Quellenvielfalt ist Zitatzirkulation aus einer einzigen Quelle.
Dieses Register führt den Punkt deshalb als ungeprüft, nicht als belegt und nicht als widerlegt. Aussichtsreichste Quelle wäre die Betriebsgeschichte von Harry Bauroth im Landesarchiv Thüringen, Staatsarchiv Meiningen.
Verbleib
Am 1. Juli 1945 evakuierten die abziehenden US-Truppen Teile der Zella-Mehliser Waffenindustrie — die Familie Max Anschütz erhielt zwei Stunden Vorbereitungszeit. Die Demontage begann im März 1946 und war Ende 1947 abgeschlossen; die Maschinen gingen in die Sowjetunion. 1949 wurde die Firma im Handelsregister gelöscht, 1950 in Ulm neu gegründet — mit sieben Mitarbeitern und zwanzig Maschinen. Das Matchgewehr, für das der Name heute steht, entstand dort ab 1954 und hat mit der Zella-Mehliser Fertigung keine konstruktive Verbindung.
Konstruktion
- Verschluss
- Zylinderverschluss (Kammerverschluss)
- Ladeprinzip
- Einzellader, Handbetätigung
- Zuführung
- kein Magazin; Patrone von Hand eingelegt
- Abzug
- Druckpunktabzug
- Sicherung
- in den zugänglichen Quellen nicht beschrieben
- Visierung
- offene Visierung, Kimme mit Marken von 25 bis 200 m und Seitenverstellung, Balkenkorn
Maße und Leistung
- Länge
- ca. 113 cm
- Lauflänge
- ca. 65 cm
- Gewicht
- ca. 3,3 kg
Funktionsablauf im Einzelnen
Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.
- 1
Öffnen
Der Kammerstängel wird hochgedreht und der Verschlusszylinder nach hinten gezogen. Die Verriegelungsflächen treten dabei aus ihren Sitzen in der Hülse; beim Rücklauf wird die Schlagfeder gespannt.
- 2
Auswerfen
Ist bereits geschossen worden, zieht der Auszieher die leere Hülse mit zurück, bis sie am Auswerfer anschlägt und seitlich austritt.
- 3
Laden
Die Randfeuerpatrone wird von Hand in die geöffnete Hülse gelegt. Da kein Magazin vorhanden ist, ist jeder Schuss ein eigener Ladevorgang — der wesentliche Unterschied zu den Repetierern derselben Bauform.
- 4
Verschließen
Beim Vorschieben nimmt der Verschluss die Patrone mit und drückt sie ins Patronenlager. Das Herunterdrehen des Kammerstängels bringt die Verriegelungsflächen zum Tragen und schließt das System.
- 5
Schuss
Der Abzug gibt den Schlagbolzen frei, der auf den Rand der Patronenhülse trifft. Die Randfeuerzündung setzt die Treibladung um; Verschluss und Lauf bleiben dabei fest verbunden.
Schemaskizze, nicht maßstäblich
- 1 Verriegelt: Zwei vordere Verriegelungswarzen am Kammerkopf liegen unmittelbar hinter dem Patronenlager in Rastflächen des Hülsenkopfs; eine dritte, hintere Warze dient als Sicherheitsreserve.
- 2 Entriegeln: Der Kammerstängel wird nach oben gedreht. Die Warzen treten aus den Rastflächen, und eine Steuerfläche zieht die Kammer zugleich ein Stück zurück — das löst die Hülse aus dem Lager (Erstauszug).
- 3 Zurückziehen und Vorschieben: Die Kammer läuft zurück, der Auszieher hält die Hülse, der Auswerfer wirft sie aus. Beim Vorschieben nimmt der Stoßboden die oberste Patrone aus dem Kastenmagazin mit; Niederdrücken des Stängels verriegelt erneut.
Vergleichsstücke außerhalb der Region
Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.
Weihrauch HWZ Modell 21
Hermann Weihrauch · Zella-Mehlis plausibel- System
- Martini-Fallblock, Einzellader, .22 lfB
- Unterschied
- Gleicher Ort, gleiches Kaliber, gleiche Ladeart — aber ein anderes Verschlussprinzip: Der Fallblock steht, der Zylinderverschluss läuft. Die Weihrauch-Büchse folgt dem englischen Scheibenschießen, die Anschütz dem Muster der Militärrepetierer.
- Befund
- Der Unterschied ist funktional begründet, nicht regional: Für das Scheibenschießen zählt die verwindungssteife Abstützung, für die wehrsportliche Ausbildung die Übertragbarkeit der Handgriffe auf das Dienstgewehr.
Deutsches Sportmodell (DSM)
Mauser und weitere Fertiger · Deutsches Reich · 1934 ungeklärt- System
- Zylinderverschluss, Einzellader, .22 lfB
- Unterschied
- Das DSM war ein normiertes Einheitsmodell auf verkleinerter Mauser-Aktion, das von rund einem Dutzend Firmen gebaut wurde. Das Modell „Germania" gehört derselben Klasse an, ist aber nicht als DSM-Fertigung belegt.
- Befund
- Ob J. G. Anschütz zu den DSM-Fertigern zählte, ist offen: Die gängigen Herstellerlisten führen das Haus nicht auf, Sammlerquellen schon. Dieser Eintrag stützt sich deshalb ausschließlich auf die Laufbeschriftung, nicht auf eine DSM-Zuschreibung.
Quellen
- [Online] Firmenchronik 1945 — ANSCHÜTZ Firmengeschichte — Besetzung, Evakuierung, Demontage, Löschung 1949 Link
- [Online] Firmenchronik 1914 — ANSCHÜTZ Firmengeschichte — JGA-Kreislogo 1914–1949, Modellnummern Link
- [Online] Wikipedia (de) — J. G. Anschütz Link
- [Objektbefund] swisswaffen — Mod. „Germania", Kal. .22 lr — Maße, Visierung und Laufbeschriftung eines Einzelstücks Link
- [Online] rifleman.org.uk — The German Mauser „Deutsches Sportmodell" and other training rifles Link
- [Literatur] Mutard 2006 — Dieter Mutard, Anschütz. Büchsenmacher seit Jahrhunderten, Motorbuch Stuttgart 2006 (firmennah, nicht eingesehen)