Modell
MP 18,I
- Fertigung
- Bergmann Suhl
- Kaliber
- 9 × 19 mm
- Zeitraum
- 1918–1920
- Belegstatus
plausibel Begründung anzeigenBegründung ausblenden
Schmeissers Urheberschaft, die Suhler Fertigung bei Theodor Bergmann und das zuschießende Masseverschlussprinzip sind Literaturstandard. Die Zuschreibung „erste in Serie gefertigte Maschinenpistole" ist gegenüber der zeitgleichen Beretta M1918 nicht unstrittig und hier ausdrücklich nur als plausibel geführt. WIDERSPRÜCHLICH sind die Stückzahlen — die Angaben zur Fertigung reichen von 30.000 bis 50.000, die zur Auslieferung von 8.000 bis 17.000, die zum Gefechtseinsatz auf rund 4.000 hinunter. Die Tabelle im Eintrag stellt sie nebeneinander, statt einen Wert auszuwählen. WIDERSPRÜCHLICH sind auch die Gesamtlänge (815 oder 832 mm) und die Kadenz (350 bis 500 pro Minute). BERICHTIGT gegenüber der früheren Fassung dieses Eintrags ist die Verwendung: Ein Einsatz bei den Stoßtrupps der Frühjahrsoffensive 1918 ist nicht belegt — siehe Korrekturen. NICHT GEPRÜFT sind die Angaben zur Versailles-Regelung (1.134 zugelassene Maschinenpistolen) und zum Zeitpunkt der Magazinumbauten; beide stammen aus einer einzelnen Darstellung.
So funktioniert sie
Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.
Die MP 18 macht etwas, das fast alle anderen Waffen dieser Seite nicht tun: Sie steht vor dem Schuss offen. Der schwere Verschlussblock ist ganz nach hinten gezogen und wird dort festgehalten; im Lauf steckt keine Patrone. Drückt der Schütze ab, wird der Block losgelassen, eine kräftige Feder schleudert ihn nach vorn, er schiebt dabei eine Patrone aus dem Magazin in den Lauf — und im selben Moment, in dem sie ankommt, zündet sie. Der Zündstift steht nämlich fest vorne am Block und braucht keinen eigenen Auslöser. Der Rückstoß wirft den Block wieder zurück, wobei die leere Hülse herausfliegt, und das Ganze beginnt von vorn — so lange, wie der Abzug gedrückt bleibt. Der Kniff dabei: Weil der schwere Block im Moment des Schusses gerade nach vorn fliegt, hebt sich seine Bewegung teilweise gegen den Rückstoß auf. Die Waffe schlägt weniger, als man erwarten würde. Der Preis ist, dass sie für einen gezielten Einzelschuss zu unruhig ist: Das Vorschnellen des Blocks verzieht die Waffe, bevor die Kugel draußen ist. Und noch etwas ist ungewohnt: Die Waffe hat keinen Sicherungshebel. Wer sie sicher machen will, zieht den Verschluss zurück und hängt seinen Griff in eine Kerbe am Gehäuse ein. Rutscht er dort heraus, schießt die Waffe — ohne dass jemand abgedrückt hätte.
Die MP 18,I begründete 1918 die Gattung der Maschinenpistole. Die Konstruktion stammt von Hugo Schmeisser; gefertigt wurde sie ab Anfang 1918 bei Theodor Bergmann, Abteilung Waffenbau, in Suhl, nicht bei C. G. Haenel, dem die Waffe häufig zugeschrieben wird (Korrekturen).
Das Problem, das sie löste
Der Stellungskrieg an der Westfront stellte eine Aufgabe, für die es 1915 keine Waffe gab. Wer einen gegnerischen Graben nehmen wollte, musste ihn Stück für Stück leerkämpfen — auf Entfernungen von wenigen Metern, in Windungen, ohne Sicht, gegen Gegner, die hinter jeder Ecke stehen konnten. Zwei vorhandene Waffen taugten dafür nicht:
- Das Gewehr 98 ist 1,25 m lang, im Graben kaum zu schwenken und gibt einen Schuss ab, bevor der Verschluss von Hand nachgeladen werden muss. Siehe Gewehr 98.
- Das MG 08/15, die „leichte” Ausführung des schweren Maschinengewehrs, wiegt mit Wasser und Munition über 20 kg. Es ist von einer Bedienung zu tragen, nicht von einem Mann zu führen.
Was fehlte, war eine Waffe zwischen beiden: von einem Mann zu tragen und zu bedienen, mit Dauerfeuer, aber ohne die Wucht der Gewehrpatrone.
Warum umgebaute Pistolen scheiterten
Die Gewehr-Prüfungskommission ging die Aufgabe 1915 zunächst auf dem naheliegenden Weg an: Sie ließ vorhandene Selbstladepistolen auf Dauerfeuer umbauen. Das misslang, und zwar aus einem Grund, der die ganze spätere Gattung erklärt.
Eine Selbstladepistole hat einen leichten Verschluss. Schießt sie im Dauerfeuer, erreicht sie Kadenzen um 1.200 Schuss je Minute — das Magazin ist in gut einer Sekunde leer, und die Waffe steigt dabei so schnell, dass nach dem zweiten Schuss niemand mehr weiß, wohin sie zeigt. Eine zielgerichtete Feuerabgabe war so nicht möglich.
Die Lösung liegt in der Masse. Ein schwerer Verschluss braucht länger, um zurückzulaufen und wieder vorzukommen; das senkt die Kadenz auf ein beherrschbares Maß. Ein schwerer Verschluss braucht aber auch etwas, das ihn trägt — ein Gehäuse, einen Schaft, eine Schulterstütze. Damit ist aus der umgebauten Pistole notwendig eine eigene Waffenklasse geworden.
Ein Register-Zusammenhang. Die Gewehr-Prüfungskommission saß in Spandau-Ruhleben, also — bis 1920 — in der preußischen Provinz Brandenburg. Dieselbe Behörde hatte 1888 das Gewehr 88 entworfen. Die Anregung zur ersten Maschinenpistole kam damit aus demselben Haus wie die letzte staatlich konstruierte deutsche Ordonnanzwaffe. Siehe Gewehrfabrik Spandau.
Konstruktion
Alle Selbstladepistolen dieses Registers schießen aus dem geschlossenen Verschluss. Die MP 18 tut das Gegenteil. Ihr Verschluss steht vor dem Schuss offen, das Patronenlager ist leer, und beim Auslösen läuft der Verschluss erst nach vorn, führt zu und zündet im Vorlauf.
Warum zuschießend
Drei Gründe, von denen nur einer allgemein bekannt ist.
Die Massenbilanz. Im Augenblick der Zündung bewegt sich der Verschluss nach vorn. Der Gasdruck muss diese Bewegung erst umkehren, bevor er den Verschluss nach hinten beschleunigen kann; die dafür verbrauchte Impulsmenge fehlt am Ende in der Schulter. Die Waffe steigt weniger, als es ihre Verschlussmasse allein erwarten ließe.
Die Kühlung. Das offene Patronenlager kühlt zwischen den Feuerstößen aus. Bei einer zuschließenden Waffe säße nach einem langen Feuerstoß eine scharfe Patrone in einem heißen Lager — mit der Gefahr der Selbstzündung. Für eine Waffe, die im Grabenkampf in Stößen leergeschossen wird, ist das der praktisch wichtigere Punkt.
Die Einfachheit. Zuschießende Waffen brauchen kein Schlagstück, keine Schlagfeder, keine Auslösung für die Zündung. Der Schlagbolzen steht fest im Verschlussboden; gezündet wird mechanisch dadurch, dass der Verschluss ankommt. Das spart Teile — und Teile sind 1918 der Engpass.
Was es kostet
Bezahlt wird das mit der Präzision im Einzelschuss. Die vorlaufende Masse verzieht den Halt, bevor das Geschoss den Lauf verlässt; ein gezielter Einzelschuss ist so nicht zu haben. Solange die Waffe ausschließlich Dauerfeuer kennt, ist das folgenlos. Sobald man ihr Einzelfeuer gibt — wie beim Nachfolger MP 28,II —, wird es zum Thema. Genau dieses Problem trat 24 Jahre später beim MKb 42(H) erneut auf und wurde dort behoben, indem man die Waffe im Einzelfeuer zuschließen ließ.
Aufbau
Das Gehäuse ist ein Rohr, in dem der Verschluss läuft, mit dem hölzernen Schaft verbunden und zur Wartung nach oben aufschwenkbar. Die Schließfeder sitzt auf einer Teleskopführung im Verschlussinneren. Der Lauf steckt in einem durchbrochenen Mantel, der die Hand vor dem heißen Lauf schützt und die Kühlung nicht behindert. Das Ganze ist Dreh- und Fräsarbeit aus dem Vollen — kein Blechbau; die Vereinfachung zum Pressteil kommt erst mit der MP 40 und, auf britischer Seite, mit der Sten.
Was die Bezeichnung bedeutet
M.P.18,I heißt nicht „Maschinenpistole 18, Ausführung 1918”. Die römische I bezeichnet die erste von vier erprobten Ausführungen, die sich im Zuführsystem unterschieden: I, II, III und IV teilten die gleiche Grundkonstruktion, aber nicht das Magazin. Die Ausführungen III und IV waren auf Magazine nach Mauser-Muster ausgelegt.
In Serie ging nur die I — die mit dem Trommelmagazin. Wer eine „MP 18” ohne Zusatz liest, meint in aller Regel diese.
Das Trommelmagazin und sein Zwischenstück
Die MP 18,I führt keine eigens entworfene Zuführung, sondern das Trommelmagazin 08 der langläufigen Parabellum-Pistole — der sogenannten Artillerie-Luger. Das ist eine Beschaffungsentscheidung, keine konstruktive: Das Magazin war eingeführt, gefertigt und verfügbar.
Drei Folgen hat das.
Der Magazinschacht ist nach hinten geneigt, weil die Schneckentrommel anders nicht sitzt. Diese Neigung blieb auch nach dem Umbau auf gerade Stangenmagazine — ein Merkmal, das eine Anforderung erfüllt, die es dann nicht mehr gab.
Es braucht ein Zwischenstück. Ohne eine aufgesteckte Hülse ließe sich die Trommel zu weit in den Schacht schieben. Fehlt dieses Teil an einem Altstück, ist die Waffe nicht funktionsfähig zusammengesetzt — auch wenn Magazin und Waffe für sich vollständig aussehen. Für die Beurteilung eines Stücks ist das ein Prüfpunkt, der leicht übersehen wird.
Die Trommel war im Feld eine Last. Aufwendig zu fertigen, nur mit einem eigenen Werkzeug zu füllen, unhandlich zu tragen, im Schmutz unzuverlässig. Die spätere Umstellung auf ein gerades Stangenmagazin ist deshalb die naheliegendste aller Verbesserungen — und sie kam trotzdem spät.
Ein verbreiteter Datierungsfehler. Häufig wird angenommen, die Umstellung auf gerade Magazine sei unmittelbar nach 1918 erfolgt. Nach der ausführlichsten hier eingesehenen Darstellung fanden die Umbauten erst in den 1930er Jahren statt, und zwar als billige Ertüchtigung vorhandener Polizeibestände. Ein Stück mit Stangenmagazinschacht ist damit kein Beleg für eine frühe Fertigung, sondern eher für eine späte Überarbeitung. Dieses Register führt die Angabe als ungeprüft — sie stammt aus einer einzelnen Quelle, ist aber die konkretere und deshalb die prüfbarere.
Wie viele? Fünf Zahlen, die nicht zusammenpassen
Für eine Waffe, die als Gattungsbegründerin gilt, ist erstaunlich unklar, wie viele je gebaut wurden und wie viele je geschossen haben.
| Angabe | Woher | Was sie meint |
|---|---|---|
| rund 35.000 | Schätzung aus Seriennummern (dt. und engl. Darstellung) | gefertigt 1918, evtl. bis 1919 |
| rund 30.000 | Modern Firearms | gefertigt bis zum Waffenstillstand |
| 50.000 | französische Nachkriegsschätzung | gefertigt 1918 |
| 17.000 | Generalmajor Ernst von Wrisberg, zeitgenössisch | ausgeliefert bis Oktober 1918 |
| 8.000–10.000 | französische Nachkriegsschätzung | ausgeliefert |
| mindestens 10.000 | Modern Firearms | an die Front gelangt |
| rund 4.000 | Schätzung aus erbeuteten Seriennummernbereichen | im Gefecht |
Zwischen der höchsten Fertigungs- und der niedrigsten Gefechtszahl liegt der Faktor zwölf.
Dieses Register löst das nicht auf, und zwar aus einem sachlichen Grund: Die Zahlen messen verschiedene Dinge. „Gefertigt”, „abgenommen”, „ausgeliefert”, „bei der Truppe” und „im Gefecht” sind fünf verschiedene Größen, und in den letzten Kriegsmonaten klaffen sie besonders weit auseinander — Waffen, die im November 1918 in einem Depot standen, sind gefertigt und nie eingesetzt worden. Wer eine einzelne Zahl zitiert, sollte deshalb immer mitzitieren, welche der fünf gemeint ist.
Die zeitgenössische Angabe von Wrisbergs ist die einzige, die nicht rekonstruiert, sondern berichtet ist. Sie hat damit einen anderen Rang als die übrigen — was sie nicht automatisch richtig macht, aber prüfbar.
Verwendung 1918 — und eine Legende
Die MP 18 gilt weithin als die Waffe der Stoßtrupps, mit der die deutsche Frühjahrsoffensive 1918 geführt wurde. Für diese Verbindung gibt es nach der ausführlichsten hier eingesehenen Darstellung keinen konkreten Beleg.
Was belegt ist:
- Juli 1918: 216 Stück gehen zur Truppenerprobung an die 237. Infanterie-Brigade der 119. Infanterie-Division. Das ist nach dem Ende der Frühjahrsoffensive.
- August 1918: erster belegter Gefechtseinsatz bei Amiens. Am 11. August wird ein erbeutetes Stück bei kanadischen Soldaten des 13. Bataillons fotografiert — die Aufnahme ist das früheste harte Zeugnis für den Fronteinsatz.
Die Waffe kam also, soweit belegbar, erst in der Abwehrphase an die Front, nicht in der Angriffsphase, für die sie gedacht war. Dass sie trotzdem als Sturmtruppenwaffe im Gedächtnis blieb, hat mit der Wirkung ihrer Bauform zu tun und mit der Nachkriegsliteratur, nicht mit der belegten Einsatzchronologie.
Der frühere Stand dieses Eintrags — „ab 1918 bei Stoßtrupps des deutschen Heeres” — war insofern nicht falsch datiert, aber unbelegt zugespitzt. Er ist berichtigt und protokolliert: Korrekturen.
Versailles: nicht verboten, sondern kontingentiert
Auch hier steht eine verbreitete Annahme gegen die konkretere Angabe.
Die deutschsprachige Darstellung schreibt, der Versailler Vertrag habe Deutschland die Fertigung automatischer Waffen untersagt. Die englischsprachige widerspricht ausdrücklich: Der Vertrag enthalte kein Fertigungsverbot für Maschinenpistolen; die Tafeln II und III legten Zahlen fest, und für Maschinenpistolen sei das Kontingent 1.134 Stück. Die Ausführungsregelung von 1924 habe die Ausgabe auf nicht mehr als eine Waffe je zwanzig Mann begrenzt.
Der Unterschied ist für dieses Register erheblich, weil er dieselbe Frage berührt wie bei der Pistole 08: Was durfte die Weimarer Republik, und wie kam Simson dazu, es zu dürfen? Ein Kontingent erklärt die weitere Entwicklung der Suhler Maschinenpistolenlinie besser als ein Verbot — die MP 28,II entstand nicht im Verborgenen, sondern in einem eng bemessenen, aber vorhandenen Rahmen, und wurde vor allem exportiert.
Dieses Register hält die Zahl 1.134 für ungeprüft, aber für die belastbarere Aussage: Sie ist konkret und am Vertragstext nachprüfbar, während „verboten” eine Zusammenfassung ist.
Was aus ihr wurde
Die MP 18 ist der Anfang einer Linie, die weiter reicht als jede andere in diesem Register.
| Nachfolge | Wo | Stückzahl |
|---|---|---|
| MP 28,II | C. G. Haenel, Suhl | rund 80.000 |
| SIG Bergmann 1920 | SIG, Schweiz, in Lizenz | rund 5.000 |
| japanische Beschaffung | 125 Stück 1922, 320 Stück 1929 | über SIG |
| chinesische Nachbauten | Arsenale Tsingtau, Dagu, Hanyang | dezentral, Stückzahl offen |
| finnische Lizenzfertigung Lindelöf | ab 1922 | 60–70 |
| Lanchester Mk.I | Vereinigtes Königreich | Nachbau der MP 28 |
Bemerkenswert an dieser Aufstellung ist zweierlei. Erstens, dass der Nachfolger die Ursprungswaffe um mehr als das Doppelte übertrifft — die MP 28 wurde häufiger gebaut als die MP 18. Zweitens, dass die Linie über die Schweiz nach Japan und China läuft und über den britischen Nachbau des deutschen Nachfolgers wieder nach Europa zurück. Die Sten, die meistgebaute Maschinenpistole der westlichen Alliierten, ist die Vereinfachung des Lanchester, und der Lanchester ist die MP 28, und die MP 28 ist die MP 18.
Für die Bestimmung
Wer ein Stück vor sich hat, prüft der Reihe nach:
- Herstellerbezeichnung. Serienstücke tragen die Zeichnung von Theodor Bergmann, Abteilung Waffenbau, Suhl. Eine Haenel-Bezeichnung weist auf die MP 28 oder auf einen Umbau, nicht auf eine MP 18 aus Haenel-Fertigung — die es nicht gab.
- Magazinschacht. Nach hinten geneigt: Ursprungsauslegung für die Schneckentrommel. Das gilt auch für Stücke, die längst auf Stangenmagazine umgebaut sind.
- Zwischenstück. Bei Trommelmagazinführung: Ist die Hülse vorhanden, die das zu tiefe Einschieben verhindert? Ohne sie ist die Waffe nicht vollständig.
- Sicherung. Nur eine Rast am Gehäuseschlitz: Ursprungsausführung. Eine zusätzliche Sicherung weist auf einen Polizeiumbau der Weimarer Zeit.
- Feuerartenumschalter. Vorhanden? Dann ist es keine MP 18, sondern eine MP 28 oder ein Nachbau.
- Zustand der Sicherungsrast. Kein Bestimmungs-, sondern ein Sicherheitsmerkmal: Eine ausgeschlagene Rast lässt den Verschluss vorlaufen, und die Waffe feuert.
Einordnung
Für dieses Register ist die MP 18 der erste Teil eines Befunds, der sich später wiederholt. Beide Waffengattungen, welche die Handfeuerwaffe des 20. Jahrhunderts prägten — die Maschinenpistole 1918 und das Sturmgewehr 1942 —, gehen von Suhl aus, und beide über dieselbe Verbindung von Schmeisser’scher Konstruktion und Suhler Fertigungskapazität. Siehe Die Schmeissers.
Beide lösen dieselbe Grundfrage, wie sich beherrschbares Dauerfeuer aus der Hand erreichen lässt, mit verschiedenen Mitteln: die eine über eine schwache Pistolenpatrone, die andere über eine eigens entwickelte Mittelpatrone. Und beide beginnen mit einem zuschießenden Verschluss, weil er einfach ist — nur dass die zweite ihn wieder verlässt, sobald Treffgenauigkeit im Einzelschuss verlangt wird.
Was die MP 18 von der Suhler Jagdwaffentradition trennt, ist ihre Herkunft: Sie ist keine Weiterentwicklung dessen, was die Stadt konnte, sondern die Ausführung eines Auftrags, der aus Spandau kam. Die Region lieferte hier Fertigungskapazität und einen Konstrukteur, nicht ein gewachsenes Erzeugnis. Siehe Was die Region hervorbrachte.
Offene Forschungsfragen. Welche der fünf Stückzahlangaben lässt sich an Abnahmeakten prüfen? — Wie sahen die Ausführungen II, III und IV aus, und warum fiel die Wahl auf die I? — Wann genau begannen die Magazinumbauten, und lassen sie sich an Stücken datieren? — Wie lautet der Vertragstext zu den 1.134 Maschinenpistolen wirklich? — Und gab es Fertigung nach dem Waffenstillstand, wie die Angabe „1918, evtl. bis 1919” nahelegt?
Waffenrechtliches
Vollautomatische Waffe und damit Kriegswaffe nach dem Kriegswaffenkontrollgesetz. Sie wird hier ausschließlich industrie- und technikgeschichtlich dokumentiert. Siehe Methodik.
Konstruktion
- Verschluss
- Unverriegelter Masseverschluss in einem Rohrgehäuse. Bei Dauerfeuerwaffen mit Pistolenpatrone genügt die Verschlussmasse zusammen mit der Schließfeder; eine Verriegelung wäre unnötiger Aufwand. Der Verschluss schwenkt zur Wartung mit dem Gehäuse nach oben auf.
- Ladeprinzip
- Rückstoßlader, unverriegelt, zuschießend: Der Verschluss steht vor dem Schuss offen und läuft beim Auslösen nach vorn. Erst beim Auftreffen auf das Patronenlager zündet der feststehende Schlagbolzen.
- Zuführung
- Ursprünglich das Trommelmagazin 08 der langläufigen Parabellum-Pistole mit 32 Patronen, seitlich eingeführt; dafür ist der Magazinschacht nach hinten geneigt und ein Zwischenstück nötig, das die Trommel am zu tiefen Einschieben hindert. Ab den 1930er Jahren Umbau auf gerade Stangenmagazine mit 20, 30 oder 32 Patronen.
- Abzug
- Nur Dauerfeuer. Einzelfeuer bekam erst der Nachfolger MP 28,II.
- Sicherung
- Kein Sicherungshebel. Gesichert wird durch Zurückziehen des Verschlusses und Einhängen des Spannhebels in eine Rast am Gehäuseschlitz. Erst bei den Polizeiumbauten der Weimarer Zeit kam eine Sicherung hinzu.
- Visierung
- Feste Kimme mit V-Ausschnitt und Balkenkorn. Ausgelegt auf Entfernungen, auf denen im Graben gekämpft wurde — wenige Meter.
Maße und Leistung
- Länge
- 815 mm (deutsche Darstellungen, Modern Firearms); 832 mm (englische Darstellung). Die Abweichung ist nicht aufgelöst.
- Lauflänge
- 200 mm
- Gewicht
- 4,18 kg ohne Magazin
- Magazin
- Trommelmagazin 08 mit 32 Patronen; ab den 1930er Jahren Stangenmagazine mit 20, 30 oder 32 Patronen
- V₀
- 380 m/s
- Kadenz
- 350–500/min (englische Darstellung); 400–450/min (deutsche Darstellung); 450/min (Modern Firearms)
Funktionsablauf im Einzelnen
Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.
- 1
Ausgangslage — Verschluss offen
Anders als bei allen Selbstladepistolen dieses Registers steht der Verschluss vor dem Schuss hinten und offen, gehalten vom Abzugsstollen. Das Patronenlager ist leer. Die Waffe kann so nicht durch Schlag oder Sturz auf einen gespannten Schlagbolzen auslösen — dafür aber, wenn sich der gehaltene Verschluss löst.
- 2
Auslösen und Vorlauf
Der Abzug senkt den Stollen und gibt den Verschluss frei. Die Schließfeder, auf einer Teleskopführung im Verschlussinneren geführt, treibt ihn nach vorn. Der Stoßboden nimmt die oberste Patrone aus dem Magazin und schiebt sie über die Zuführrampe ins Lager.
- 3
Zündung im Vorlauf
Der Schlagbolzen steht fest im Verschlussboden — es gibt kein Schlagstück, keine Schlagfeder, keine Auslösung für die Zündung. Sobald die Patrone im Lager sitzt und der Auszieher über den Rand geschnappt ist, läuft der Verschluss die letzten Zehntelmillimeter weiter und der Schlagbolzen trifft das Zündhütchen. Der Verschluss steht in diesem Moment NICHT still: Er drückt noch mit Restschwung nach vorn.
- 4
Rücklauf gegen die eigene Vorwärtsmasse
Der Gasdruck muss den Verschluss erst abbremsen, bevor er ihn beschleunigen kann. Genau darin liegt der Kunstgriff des zuschießenden Prinzips: Ein Teil des Rückstoßimpulses geht dafür drauf, die Vorwärtsbewegung des Blocks umzukehren, und fehlt am Ende in der Schulter. Deshalb liegt die Waffe im Dauerfeuer ruhiger, als es ihre Verschlussmasse allein erwarten ließe.
- 5
Auszug und Auswurf
Der zurücklaufende Verschluss zieht die Hülse mit; sie trifft auf den Auswerfer und verlässt die Waffe. Die Schließfeder wird gespannt, der Verschluss läuft bis an den Anschlag.
- 6
Fortsetzung oder Halt
Bleibt der Abzug gezogen, läuft der Verschluss sofort wieder vor und der Zyklus wiederholt sich. Wird der Abzug losgelassen, fängt der Abzugsstollen den Verschluss in der hinteren Stellung — die Waffe bleibt mit leerem Patronenlager stehen und ist damit im nächsten Augenblick wieder feuerbereit.
Schemaskizze, nicht maßstäblich
- 1 Verschlussruhelage: Die Schließfeder presst den Verschluss gegen den feststehenden Lauf. Verriegelt ist nichts — es hält allein die Masse.
- 2 Schuss: Der Gasdruck treibt Geschoss und Hülse auseinander. Der Verschluss beginnt zurückzuweichen, bewegt sich wegen seiner Trägheit aber nur wenige Zehntelmillimeter, bis das Geschoss den Lauf verlassen hat.
- 3 Rücklauf: Erst nach dem Druckabfall öffnet der Verschluss weit, wirft die Hülse aus und spannt die Feder.
Vergleichsstücke außerhalb der Region
Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.
Beretta M1918
Pietro Beretta · Italien · 1918 plausibel- System
- Unverriegelter Masseverschluss, 9 × 19 mm Glisenti, Magazin von oben eingeführt
- Unterschied
- Im selben Jahr erschienen und damit der einzige ernstzunehmende Anspruch auf die Priorität. Sie geht auf das Villar-Perosa-Doppel-Maschinengewehr zurück, ist also aus einer bestehenden Konstruktion herausgeschnitten und nicht auf die neue Aufgabe hin entworfen.
- Befund
- Die Frage, welche Waffe „die erste Maschinenpistole" war, hängt davon ab, ob man auf Serienfertigung, Ersterscheinen oder Entwurfsabsicht abstellt. Dieses Register führt die Suhler Zuschreibung als plausibel, nicht als gesichert.
MP 28,II
C. G. Haenel · Deutschland (Suhl) · 1928 gesichert- System
- Dasselbe zuschießende Masseverschlussprinzip, gerades Stangenmagazin von links, Umschalter für Einzel- und Dauerfeuer
- Unterschied
- Der unmittelbare Nachfolger derselben Konstruktionslinie, aber aus einem anderen Suhler Haus. Zwei Änderungen machen den Unterschied: das gerade Magazin statt der Trommel und der Feuerartenumschalter. Beides sind Antworten auf die Erfahrungen mit der MP 18.
- Befund
- Die MP 28 ist der Beweis, dass die MP 18 nicht die Endform, sondern der Anfang einer Linie war — und sie ist der Grund, warum die MP 18 so hartnäckig Haenel zugeschrieben wird. Siehe Korrekturen.
Lanchester Mk.I
Sterling Armaments · Vereinigtes Königreich · 1941 plausibel- System
- Zuschießender Masseverschluss, 9 × 19 mm, Magazin von links
- Unterschied
- Ein weitgehend maßgleicher Nachbau der MP 28 — die britische Marine kopierte 1940 unter Zeitdruck eine deutsche Konstruktion, die ihrerseits auf der MP 18 beruhte. Messingner Magazingehäuse, Holzschaft, Bajonetthalter.
- Befund
- Damit läuft die Suhler Linie über einen Umweg in die britische Bewaffnung des Zweiten Weltkriegs. Die Sten wiederum ist die Vereinfachung des Lanchester — und die meistgebaute Maschinenpistole der westlichen Alliierten.
MKb 42(H) / StG 44
C. G. Haenel · Deutschland (Suhl) · 1942 gesichert- System
- Gasdrucklader, Kippblockverriegelung, Kurzpatrone 7,92 × 33 mm
- Unterschied
- Dieselbe Firma, derselbe Konstrukteur, 24 Jahre später — und die Lösung desselben Grundproblems auf höherer Stufe. Die MP 18 erreicht beherrschbares Dauerfeuer durch eine schwache Pistolenpatrone und zahlt mit geringer Reichweite. Das Sturmgewehr erreicht es durch eine eigens entwickelte Mittelpatrone und behält die Gewehrreichweite. Auch der Maschinenkarabiner schoss zunächst zu und wurde davon abgebracht.
- Befund
- Beide Gattungen — Maschinenpistole und Sturmgewehr — gehen von Suhl aus, und zwar über dieselbe Werkstattbeziehung. Siehe Die Schmeissers.
Bekannte Schwächen
Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.
-
Zuschießendes Prinzip
Die vor dem Schuss nach vorn laufende Verschlussmasse verzieht den Halt. Für Dauerfeuer auf kurze Entfernung unerheblich, für gezielten Einzelschuss hinderlich — dasselbe Problem, das später beim MKb 42(H) auftrat und dort behoben wurde. Solange die Waffe nur Dauerfeuer kannte, fiel es nicht ins Gewicht; die MP 28 mit ihrem Einzelfeuer machte es zum Thema.
plausibel
-
Trommelmagazin 08 und sein Zwischenstück
Die von der langläufigen Parabellum übernommene Schneckentrommel war aufwendig, empfindlich, nur mit einem eigenen Werkzeug zu füllen und im Gefecht unzuverlässig. Sie ließ sich außerdem zu weit in den Schacht schieben — dagegen half ein aufgestecktes Zwischenstück. Fehlt dieses Zwischenstück an einem Stück, ist die Waffe nicht funktionsfähig zusammengesetzt. Für die Beurteilung eines Altstücks ist das ein Prüfpunkt.
plausibel
-
Keine Sicherung im eigentlichen Sinn
Gesichert wird durch Einhängen des Spannhebels in eine Rast am Gehäuseschlitz. Löst sich der Verschluss aus dieser Rast — etwa durch Stoß oder bei verschlissener Rast —, läuft er vor und die Waffe feuert, ohne dass jemand abgezogen hätte. Bei der Beurteilung eines Altstücks ist der Zustand dieser Rast deshalb unmittelbar sicherheitsrelevant. Die Polizeiumbauten der Weimarer Zeit erhielten deshalb eine Sicherung.
plausibel
-
Rückwärts geneigter Magazinschacht
Der Schacht ist nach hinten geneigt, weil die Schneckentrommel es verlangte. Nach dem Umbau auf gerade Stangenmagazine blieb die Neigung — ein Bauteil, das eine Anforderung erfüllt, die es nicht mehr gibt. Für die Bestimmung ist die Schachtneigung damit ein Merkmal der Ursprungsauslegung und kein Hinweis auf den Magazintyp, mit dem das Stück zuletzt geführt wurde.
plausibel
Verwendung
- Juli 1918: 216 Stück zur Truppenerprobung an die 237. Infanterie-Brigade der 119. Infanterie-Division — nach dem Ende der Frühjahrsoffensive
- August 1918: erster belegter Gefechtseinsatz bei Amiens; ein erbeutetes Stück ist am 11. August bei kanadischen Soldaten fotografiert
- Weimarer Republik: Polizeiverwendung unter dem Kontingent des Versailler Vertrags, Ausgabe nach der Regelung von 1924 nicht über eine Waffe je zwanzig Mann hinaus
- 1930er Jahre: Umbau der vorhandenen Polizeibestände auf Stangenmagazine
- Deutsche Polizeiverwendung bis 1945
Quellen
- [Online] Wikipedia (de) — MP 18 , Entwicklung durch Bergmann und Schmeisser gegen Kriegsende, rund 35.000 Stück bei Theodor Bergmann Waffenbau, Länge 815 mm, Kadenz 400–450/min, Magazin 32 oder 20 Patronen, Entwicklung für den Grabenkampf, Nachfolger MP 28,II mit Einzelfeuer, Polizeiverwendung bis 1945 Link
- [Online] Wikipedia (en) — MP 18 , Anstoß 1915 durch die Gewehr-Prüfungskommission in Spandau; Scheitern der Versuche mit umgebauten Selbstladepistolen wegen 1.200 Schuss/min; Bezeichnung 18/I als erste von vier erprobten Ausführungen mit unterschiedlicher Zuführung; Serienbeginn Anfang 1918; Stückzahlangaben 35.000 (Seriennummern), 17.000 ausgeliefert bis Oktober 1918 nach Generalmajor Ernst von Wrisberg, französische Nachkriegsschätzung 50.000 gefertigt bei 8.000–10.000 ausgeliefert, rund 4.000 im Gefecht nach erbeuteten Seriennummernbereichen; Länge 832 mm, Lauf 200 mm, 4,18 kg, V0 380 m/s, 350–500 Schuss/min; Trommelmagazin 08 mit Zwischenstück; Umbau auf Stangenmagazine erst in den 1930er Jahren; Versailles-Kontingent 1.134 Maschinenpistolen und kein Fertigungsverbot; Ausgaberegelung 1924 von einer Waffe je zwanzig Mann; 216 Stück im Juli 1918 an die 237. Infanterie-Brigade, erster Gefechtseinsatz bei Amiens, erbeutetes Stück am 11. August 1918 fotografiert, kein Beleg für Stoßtruppeinsatz in der Frühjahrsoffensive; MP 28,II rund 80.000 Stück; SIG Bergmann 1920 rund 5.000 Stück, japanische Bestellungen 1922 und 1929, chinesische Nachbauten in Tsingtau, Dagu und Hanyang, finnische Lindelöf-Fertigung ab 1922 Link
- [Online] Modern Firearms — MP.18,I Schmeisser , 4,18 kg, 815 mm, Lauf 200 mm, 450 Schuss/min, Magazin 20 oder 32; Rohrgehäuse mit aufschwenkbarem Verschlussteil, Schließfeder auf Teleskopführung; nach hinten geneigter Magazinschacht wegen der Schneckentrommel; rund 30.000 Stück bis zum Waffenstillstand, mindestens 10.000 an die Front; Nachrüstung mit Kastenmagazin und Sicherung für die Polizei der Weimarer Republik; Schneckentrommel im Feld unhandlich und unzuverlässig Link
- [Objektbefund] National Museum of American History — Theodor Bergmann Abt. Waffenbau Suhl — MP 18/I Submachinegun , Objektzuschreibung an Theodor Bergmann Abt. Waffenbau Suhl Link
- [Objektbefund] Royal Armouries — Bergmann MP18/1, German military issue Link
- [Online] Wikipedia (de) — Hugo Schmeisser Link