Modell
Pistole 08
- Fertigung
- DWM Berlin , Gewehrfabrik Erfurt , Simson & Co. , H. Krieghoff
- Kaliber
- 9 × 19 mm, 7,65 × 21 mm (Frühausführungen)
- Zeitraum
- 1908–1942
- Belegstatus
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Einführungs- und Ablösedaten, Fertigungsorte und Wirkungsweise sind Literaturstandard. Maßangaben gelten für die Ordonnanzausführung mit 100-mm-Lauf. NEU AUFGENOMMEN ist die Fertigung bei Heinrich Krieghoff in Suhl: 13.825 Stück insgesamt, davon 10.000 zwischen 1935 und 1937 an die Luftwaffe, rund 2.000 in kleinen Losen zwischen 1940 und 1944, 200 im Jahr 1945 und 1.625 im gewerblichen Verkauf. Die Zahlen stammen aus Sammlerliteratur und sind NICHT gegen Werksunterlagen geprüft. UNGEKLÄRT ist die Länge des gemeinsamen Rücklaufs vor der Entriegelung: Dieses Register führte bislang etwa 6 mm, die englischsprachige Übersichtsdarstellung nennt rund 13 mm. Möglicherweise meinen die Angaben Verschiedenes — verriegelter Weg gegen Gesamtweg des Laufs. Die Frage ist am Objekt zu entscheiden und nicht aus der Literatur; solange sie offen ist, nennt der Eintrag keinen Wert. Die Jahresangabe „bis" ist von 1938 auf 1942 berichtigt: 1938 wurde die Nachfolgerin eingeführt, die Fertigung der 08 lief bis September 1942 weiter.
So funktioniert sie
Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.
Die Pistole 08 ist an einem Vorgang sofort zu erkennen: Beim Schuss klappt oben auf der Waffe ein Gelenk nach oben auf, statt dass ein geschlossenes Oberteil nach hinten über die Hand fährt. Dahinter steckt eine Antwort auf das Grundproblem jeder kräftigen Selbstladepistole — der Lauf muss hinten fest verschlossen bleiben, solange die Pulvergase drücken, und darf sich erst danach öffnen. Bei der 08 übernimmt das ein Gestänge aus zwei Gliedern, das wie ein durchgestrecktes Knie wirkt: Solange es gestreckt steht, lässt es sich von hinten nicht zusammendrücken. Der Trick liegt darin, dass das Knie nicht ganz gerade steht, sondern eine Winzigkeit unterhalb der Strecklage — dadurch drückt der Rückstoß es nicht auf, sondern noch fester zu. Beim Schuss laufen Lauf und Gelenk fest zusammenhängend ein kurzes Stück nach hinten; in dieser Zeit hat das Geschoss den Lauf verlassen und der Druck ist gefallen. Dann treffen zwei seitliche Rollen des Gelenks auf schräge Flächen am Griffstück, die sie nach oben drücken — das Knie knickt auf, das Stück, das den Lauf hinten zuhält, löst sich von ihm und zieht die leere Hülse heraus, die nach oben ausgeworfen wird. Eine Feder im Griff streckt das Gelenk wieder, schiebt es nach vorn und nimmt dabei die nächste Patrone aus dem Magazin mit. Der Preis dieser feinen Mechanik ist ihre Empfindlichkeit: Sand, Staub und verharztes Öl bremsen die Bewegung, und die Waffe verlangt Patronen mit dem passenden Druckverlauf. Zu schwache Ladungen erzeugen nicht genug Rückstoß, um das Knie überhaupt aufzuknicken — die Waffe bleibt dann einfach stehen.
Die Pistole 08 — Konstruktion Georg Luger — wurde 1908 als Ordonnanzpistole des Deutschen Reiches eingeführt. Im selben Jahr und aus demselben Berliner Haus kam eine zweite Waffe mit derselben Jahreszahl und demselben Verschlussprinzip: das MG 08. Für dieses Register ist sie das ergiebigste Einzelobjekt überhaupt, und zwar aus einem Grund, der nichts mit ihrer Bekanntheit zu tun hat: Keine andere Waffe wurde an so vielen Orten dieses Untersuchungsraums gefertigt, unter so verschiedenen politischen Verhältnissen.
Vier Fertigungsstätten, vier politische Lagen
| Wo | Wann | Umstände |
|---|---|---|
| DWM, Berlin | ab 1900 | gewerblicher Ursprungsfertiger im Kaiserreich |
| Gewehrfabrik Erfurt | ab 1911 | staatliche Parallelfertigung mit Abnahme im eigenen Haus |
| Simson & Co., Suhl | 1925–1934 | einziger zugelassener Reichswehr-Lieferant der Weimarer Republik |
| Heinrich Krieghoff, Suhl | 1935–1945 | Fertigung für die Luftwaffe im NS-Staat |
Erfurt und Suhl liegen in Thüringen, Berlin lag bis 1920 in der Provinz Brandenburg. Alle vier Stätten liegen damit im Untersuchungsraum — und sie verteilen sich auf Kaiserreich, Weimarer Republik und NS-Staat. An einem einzigen Modell lässt sich deshalb zeigen, wie sich Abnahme, Kennzeichnung und Fertigungsverfassung über drei Systeme hinweg verändern.
Neu in diesem Eintrag: Krieghoff. Der Betrieb steht seit langem im Herstellerregister, aber nicht in der Fertigungsliste dieser Waffe. Krieghoff fertigte insgesamt 13.825 Parabellum: 10.000 auf einen Auftrag von 1935, zunächst für den Deutschen Luftsportverband und dann für die Luftwaffe, überwiegend 1936 und 1937 ausgeliefert; dazu rund 2.000 in kleinen Losen zwischen 1940 und 1944, 200 im Jahr 1945 und 1.625 im gewerblichen Verkauf. Die Stücke tragen an vielen Bauteilen das Abnahmezeichen Adler über 2 der Luftwaffe.
Damit hat Suhl an dieser Waffe nicht einen Anteil, sondern zwei — und beide unter Bedingungen, die zueinander in einem bitteren Verhältnis stehen. Simson, ein jüdisches Familienunternehmen, war 1925 bis 1934 alleiniger Pistolenlieferant der Reichswehr; 1935 wurde die Familie enteignet. Im selben Jahr erhielt Krieghoff, wenige Straßen entfernt, den Auftrag über 10.000 Parabellum für die Luftwaffe. Siehe Die Waffenregion im Nationalsozialismus.
Woher sie kommt: die Borchardt C93
Die Parabellum ist keine Neuerfindung, sondern eine Verkleinerung. Ihr Vorläufer ist die Borchardt C93, gebaut bei Ludwig Loewe & Co. in Berlin — demselben Haus, aus dem 1896 die DWM hervorging.
Die C93 hatte den Kniegelenkverschluss bereits, aber in einer Form, die kaum als Faustfeuerwaffe taugte: Hinter dem senkrecht stehenden Griff saß ein ausladendes Gehäuse mit einer Blattfeder, die Waffe war kopflastig und im Grunde auf einen Anschlagschaft angewiesen.
Georg Luger tat drei Dinge:
- Er stellte den Griff schräg — was der Waffe die Handlage gab, für die sie bis heute gerühmt wird.
- Er verlegte die Schließfeder in den Griff und strich damit das Federgehäuse.
- Er verkürzte die gesamte Baugruppe.
Ab der Ausführung von 1906 trat an die Stelle der Blattfeder eine Schraubenfeder. Das ist ein brauchbares Datierungsmerkmal am zerlegten Stück.
Der Schritt von der C93 zur 08 ist also nicht die Erfindung des Kniegelenkverschlusses, sondern seine Anpassung an die Hand. Und er fand in Berlin statt.
Konstruktion
Verriegelung durch Geometrie, nicht durch einen Riegel
Das kennzeichnende Merkmal ist der Kniegelenkverschluss. Entscheidend ist ein Detail, das man leicht überliest: In der verriegelten Stellung steht das Gelenk nicht gerade, sondern eine Winzigkeit unterhalb der Strecklage. Sein Mittelgelenk liegt also etwas tiefer als die Verbindungslinie seiner beiden Enden, und es liegt auf einem Anschlag auf.
Die Folge: Druck von hinten erzeugt ein Moment, das das Gelenk weiter nach unten gegen den Anschlag drückt — nicht nach oben in die Knickrichtung. Je stärker der Schuss, desto fester der Verschluss. Es gibt keinen Riegel, der brechen oder verschleißen könnte; die Verriegelung ist reine Geometrie.
Geöffnet wird die Waffe nicht durch den Gasdruck, sondern mechanisch von außen: Die seitlichen Gelenkrollen laufen nach einem kurzen gemeinsamen Rücklauf auf schräge Anlaufflächen des Griffstücks, die sie nach oben heben und das Knie damit über die Strecklage hinausdrücken. Ab da knickt es auf.
Ein offener Punkt. Wie lang der gemeinsame, verriegelte Rücklauf ist, bevor die Rollen die Rampen erreichen, ist in diesem Register ungeklärt. Bislang stand hier „etwa 6 mm”; die englischsprachige Übersichtsdarstellung nennt rund 13 mm. Möglicherweise messen die beiden Angaben Verschiedenes — der verriegelte Weg bis zum Beginn der Entriegelung ist etwas anderes als der Gesamtweg des Laufs bis zum Anschlag. Die Frage ist am zerlegten Stück mit einer Messuhr zu entscheiden, nicht aus der Literatur. Bis dahin nennt dieser Eintrag keinen Wert.
Auswurf nach oben
Die Hülse verlässt die Waffe nach oben. Das ist keine Marotte, sondern die zwangsläufige Folge der Bauform: Es gibt kein geschlossenes Verschlussgehäuse, in dem eine seitliche Auswurföffnung säße. Der aufknickende Verschluss gibt die Hülse nach oben frei, weil oben nichts ist.
Dieselbe Offenheit ist der Grund für die Schmutzempfindlichkeit. Was oben herauskann, kann oben auch hinein.
Das Gegenmodell: Browning
Der Vergleich mit der zeitgleichen Colt M1911 zeigt zwei entgegengesetzte Antworten auf dieselbe Frage.
| Pistole 08 | Colt M1911 | |
|---|---|---|
| Verriegelung | Kniegelenk, unterhalb der Strecklage | Warzen am Lauf greifen in den Schlitten |
| Entriegelung | Gelenk knickt nach oben auf | Lauf senkt sich über ein Schwenkglied ab |
| Bewegung | offen, nach oben | gekapselt, geradlinig nach hinten |
| Toleranzen | eng | weit |
| Empfindlichkeit | hoch | gering |
| Fertigung | aufwendig | einfach |
Historisch setzte sich Browning durch, und zwar überall. Die 08 ist die präzisere Lösung, die M1911 die robustere und billigere. Es ist derselbe Zielkonflikt, der 1938 zur Ablösung führte — und derselbe, der 1942 beim MG 42 zugunsten des Blechbaus entschieden wurde.
Die drei Ausführungen
| Ausführung | Lauf | Besonderheit |
|---|---|---|
| Ordonnanz 1908 | 100 mm | feste Kimme, Magazin zu 8 |
| Marine 1904 | 150 mm | für die Kaiserliche Marine, 9 × 19 mm |
| Artillerie (Lange Pistole 08), ab 2. Juli 1913 | 200 mm | Kurvenvisier bis 800 m, Anschlagschaft, Trommelmagazin zu 32 |
Das Artilleriemodell ist für dieses Register über die Waffe hinaus wichtig. Sein Trommelmagazin 08 wurde 1918 unverändert für die MP 18,I übernommen — die Maschinenpistole erbte damit ihre Zuführung von einer Pistole, samt aller Probleme. Und der 200-mm- Lauf mit Anschlagschaft ist der Versuch, aus einer Pistole eine Karabinerersatzwaffe zu machen; die MP 18 ist die bessere Antwort auf dieselbe Frage.
Vom 7,65er zum 9 mm
Die frühen Parabellum schossen 7,65 × 21 mm. Der Wechsel auf 9 × 19 mm begann mit dem Marinemodell 1904 — und die dabei entstandene Patrone wurde die meistverbreitete Pistolenpatrone der Welt.
Sie heißt bis heute 9 mm Parabellum, nach dem Firmenwahlspruch der DWM: Si vis pacem, para bellum. Die Patrone trägt also den Namen eines Berliner Rüstungskonzerns, und fast niemand, der sie kauft, weiß das.
Versailles, und was daraus folgte
Nach 1918 begrenzte der Vertrag das Heer auf 50.000 Pistolen und verbot Pistolen mit Anschlagschaft — das Artilleriemodell war damit erledigt.
Für Suhl hatte die Beschränkung eine paradoxe Folge. Weil die Gewehrfabrik Erfurt aufgelöst wurde, gingen ihre P08-Fertigungseinrichtungen an Simson & Co. — an einen Suhler Kleinbetrieb, der ohne diese Maschinen niemals Ordonnanzpistolen in Serie hätte bauen können. Simson wurde dadurch zum alleinigen Pistolenlieferanten der Reichswehr und fertigte 1925 bis 1934 knapp 12.000 Stück.
Nicht, weil es der leistungsfähigste Betrieb war, sondern weil es die Maschinen des aufgelösten Staatsbetriebs übernommen hatte.
1930 verlagerte sich die gewerbliche Fertigung von der DWM in Berlin zu Mauser in Oberndorf, wo sie bis Dezember 1943 lief. Die Ordonnanzfertigung der 08 verließ damit den Untersuchungsraum — bis Krieghoff sie 1935 in Suhl wieder aufnahm.
Warum sie abgelöst wurde
1938 entschied sich das Heer für die Pistole 38 von Walther in Zella-Mehlis. Der Grund steht in einem Satz: vergleichbare Leistung bei knapp der halben Fertigungszeit.
Dazu kam ein Bedienvorteil, der bis heute nachwirkt. Die 08 kennt nur Single Action — wer sie geladen führt, muss vor dem ersten Schuss repetieren oder eine gespannte Waffe tragen. Die P 38 brachte Spannabzug und Entspannhebel und damit eine Bedienlogik, die den Pistolenbau über Jahrzehnte prägte.
Die Ablösung war allerdings keine Abschaffung. Die Fertigung der 08 lief bis September 1942 weiter, vorhandene Stücke bis Kriegsende. Insgesamt entstanden zwischen 1900 und 1953 rund drei Millionen Parabellum aller Ausführungen; über zwei Millionen standen 1914 bis 1918 im deutschen Dienst.
Für die Stempelkunde
Die 08 ist das ergiebigste Objekt dieses Registers, weil vier Fertiger unter drei politischen Systemen jeweils eigene Kennzeichnungen führten:
- Fertigungsstättenmarkierung auf dem Kniegelenk. DWM als verschlungenes Monogramm, ERFURT ausgeschrieben, dazu die Suhler Zeichnungen. Sie ist die erste Angabe, auf die man sieht — und sie benennt bei DWM die Firma, nicht das Werk (siehe unten).
- Kammerdatierung. Die Jahreszahl auf dem Kammerstück; bei Simson-Stücken ein Datierungsmerkmal, das die Forgotten-Weapons-Darstellung ausdrücklich behandelt.
- Abnahmestempel. Erfurter Stücke tragen die dichteste Stempelung des Registers — mehr Prüfzeichen auf mehr Einzelteilen als bei vergleichbaren DWM-Stücken, weil der Abnahmebeamte im staatlichen Betrieb im eigenen Haus saß. Krieghoff-Stücke tragen den Luftwaffenadler über der 2.
- Beschusszeichen. Sie unterscheiden sich zwischen Kaiserreich, Weimarer Republik und NS-Zeit und sind der zweite unabhängige Zugriff neben der Abnahme. Siehe Stempelkunde.
Was „DWM Berlin” auf einem Stück nicht sagt. Es benennt die Firma, nicht die Fertigungsstätte. Welches Berliner Werk die 08 baute, ist in diesem Register ungeklärt — das dokumentierte DWM-Gelände in Borsigwalde nahm die Waffenfertigung erst 1914 auf, da lief die Parabellum schon über ein Jahrzehnt.
Für die Bestimmung
- Schließfeder. Blattfeder bis zur Ausführung 1906, danach Schraubenfeder — am zerlegten Stück das sicherste frühe Datierungsmerkmal.
- Lauflänge. 100 mm Ordonnanz, 150 mm Marine, 200 mm Artillerie. Beim Artilleriemodell dazu das Kurvenvisier und die Schaftnut am Griffrücken.
- Kaliber. 7,65 × 21 mm weist auf eine frühe oder eine Exportausführung, 9 × 19 mm auf die Ordonnanzlinie ab 1904/08.
- Fertigungsstättenmarkierung und Kammerdatierung (siehe oben).
- Abnahmezeichen. Adler über 2 heißt Luftwaffe und damit Krieghoff-Umfeld; dichte preußische Abnahme heißt eher Erfurt.
Offene Forschungsfragen. Die Länge des verriegelten Rücklaufs, am Objekt zu messen. — Welches Berliner DWM-Werk die 08 fertigte. — Wie sich die Abnahmepraxis zwischen Erfurt (staatlich), Simson (privat unter Reichswehr-Kontrolle) und Krieghoff (privat unter Luftwaffe) am Stück unterscheidet: Das ist die eine Frage, für deren Beantwortung dieses Register ein Objektnebeneinander bräuchte. — Und die Krieghoff-Stückzahlen, die bislang nur aus Sammlerliteratur stammen.
Konstruktion
- Verschluss
- Verriegelter Kniegelenkverschluss mit kurzem Laufrücklauf. Lauf und Gabelstück laufen gemeinsam zurück; das Kniegelenk läuft dabei auf schräge Anlaufflächen des Griffstücks und knickt nach oben aus, statt geradlinig über den Handrücken zurückzulaufen. Verriegelt wird nicht durch einen Riegel, sondern durch Geometrie: Das Gelenk steht minimal unter der Strecklage, und Druck von hinten drückt es dann fester zu statt auf.
- Ladeprinzip
- Rückstoßlader mit kurzem Laufrücklauf
- Zuführung
- Einreihiges Stangenmagazin im Griffstück, 8 Patronen
- Abzug
- Nur Single Action — der Schlagbolzen wird beim Repetieren gespannt. Der Abzugsweg läuft über eine seitlich außen liegende Übertragungsstange am rechten Gehäuse, ein Merkmal, an dem sich die Bauart erkennen lässt.
- Sicherung
- Hebelsicherung links am Griffstück, dazu bei einem Teil der Ausführungen eine Griffsicherung am Rücken. Beim Sichern erscheint bei vielen Stücken das Wort GESICHERT unter dem Hebel.
- Visierung
- Feste Kimme auf dem hinteren Kniegelenkglied, Korn auf dem Laufansatz. Beim Artilleriemodell 1917 stattdessen ein achtstufiges Kurvenvisier bis 800 m.
Maße und Leistung
- Länge
- 222 mm (Ordonnanzausführung)
- Lauflänge
- 100 mm Ordonnanz; 150 mm beim Marinemodell 1904; 200 mm beim Artilleriemodell (Lange Pistole 08)
- Gewicht
- 871 g
- Magazin
- Stangenmagazin zu 8 Patronen; beim Artilleriemodell zusätzlich das Trommelmagazin 08 zu 32 Patronen
- V₀
- 350–400 m/s mit 9 mm aus 100 mm Lauf
- Kadenz
- rund 116 Schuss/min als Selbstlader
Funktionsablauf im Einzelnen
Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.
- 1
Ausgangslage — Verriegelung durch Geometrie
Lauf, Gabelstück und Kniegelenk stehen in der vorderen Endlage. Das Gelenk steht minimal unterhalb der Strecklage; sein Mittelgelenk liegt also etwas tiefer als die Verbindungslinie seiner Enden. Druck von hinten erzeugt damit ein Moment, das es weiter nach unten und gegen den Anschlag drückt — es kann sich nicht aufknicken. Es gibt keinen Riegel, der versagen könnte; die Verriegelung ist reine Geometrie.
- 2
Schuss
Der Schlagbolzen zündet die Patrone. Der Gasdruck wirkt über den Hülsenboden auf den Verschluss und über das Patronenlager auf den Lauf, und schiebt beide gemeinsam nach hinten.
- 3
Gemeinsamer Rücklauf
Lauf, Gabelstück und Kniegelenk laufen als Einheit zurück. Solange das Gelenk gestreckt bleibt, ist der Verschluss zu — das Geschoss verlässt in dieser Phase den Lauf, der Druck fällt ab. Über die Länge dieses Weges gehen die Angaben auseinander; siehe die Anmerkung im Eintrag.
- 4
Entriegelung durch Aufknicken
Die seitlichen Gelenkrollen laufen auf schräge Anlaufflächen des Griffstücks. Dadurch wird das Kniegelenk nach oben aus der Strecklage gedrückt und knickt auf. Erst jetzt trennt sich der Verschluss vom Lauf, der seinerseits gegen einen Anschlag läuft und stehen bleibt.
- 5
Hülsenauswurf und Spannen
Der aufknickende Verschluss zieht die Hülse aus dem Patronenlager; der Auswerfer schleudert sie nach oben aus. Gleichzeitig wird der Schlagbolzen gespannt und die Schließfeder im Griffstück komprimiert. Der Auswurf nach oben ist eine Folge der Bauform: Es gibt kein Verschlussgehäuse, das eine seitliche Hülsenöffnung hätte.
- 6
Vorlauf und Zuführung
Die Schließfeder streckt das Kniegelenk wieder. Der vorlaufende Verschluss schiebt die oberste Patrone aus dem Magazin in das Patronenlager und nimmt den Lauf auf dem letzten Stück wieder mit.
- 7
Verriegelung
Gelenk und Lauf laufen gemeinsam in die vordere Endlage; das Kniegelenk geht wieder minimal unter die Strecklage und ist damit verriegelt. Ist das Magazin leer, hält der Verschlussfang das Gelenk offen.
Schemaskizze, nicht maßstäblich
- 1 Verriegelt: Die beiden Kniegelenkglieder stehen knapp unterhalb der Strecklage. Der Gasdruck kann sie nur weiter strecken, nicht aufknicken — das Gelenk sperrt sich selbst.
- 2 Gemeinsamer Rücklauf: Lauf, Gabelstück und gestrecktes Gelenk laufen verriegelt zurück. Die seitlichen Gelenkrollen erreichen die schrägen Anlaufflächen des Griffstücks.
- 3 Entriegelt: Die Rampen drücken die Rollen nach oben, das Gelenk knickt aus. Erst jetzt trennt sich der Verschluss vom Lauf.
Vergleichsstücke außerhalb der Region
Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.
Borchardt C93
Ludwig Loewe & Co., Berlin · Deutschland (Berlin) · 1893 plausibel- System
- Kniegelenkverschluss mit kurzem Laufrücklauf, Blattfeder in einem großen Gehäuse hinter dem Griff, 7,65 × 25 mm Borchardt
- Unterschied
- Die Ursprungskonstruktion aus demselben Berliner Haus. Georg Luger machte daraus die Parabellum, indem er den Griff schräg stellte, die Rückholfeder in den Griff verlegte und das ausladende Federgehäuse strich. Aus einer kopflastigen Waffe mit Anschlagschaft wurde damit eine Faustfeuerwaffe.
- Befund
- Der Schritt von der C93 zur 08 ist nicht die Erfindung des Kniegelenkverschlusses, sondern seine Verkleinerung auf Pistolenmaß. Er fand in Berlin statt, bei Ludwig Loewe beziehungsweise der daraus hervorgegangenen DWM.
Colt M1911
Colt's Patent Fire Arms Manufacturing Company · USA · 1911 gesichert- System
- Verriegelter Rückstoßlader mit kurzem Laufrücklauf; Verriegelung über Warzen am Lauf, die in den Schlitten greifen, Entriegelung durch Absenken des Laufs über ein Schwenkglied (Browning-System)
- Unterschied
- Beide sind verriegelte Rückstoßlader derselben Jahre, aber mit entgegengesetzter Konstruktionsphilosophie. Die 08 löst die Entriegelung über ein außenliegendes Präzisionsgelenk, die M1911 über ein innenliegendes, gekapseltes Absenken des Laufs im geschlossenen Schlitten.
- Befund
- Historisch setzte sich das Browning-Prinzip durch: gekapselt, schmutzunempfindlich, billiger zu fertigen. Die 08 ist die präzisere, die M1911 die robustere Lösung — der Zielkonflikt, an dem 1938 auch die Ablösung durch die P 38 hing.
Mauser C96
Waffenfabrik Mauser · Deutschland (Oberndorf) · 1896 plausibel- System
- Verriegelter Rückstoßlader mit kurzem Laufrücklauf, Verriegelung über einen unter dem Verschluss schwenkenden Sperrblock; festes Kastenmagazin vor dem Abzug, Ladung über Ladestreifen
- Unterschied
- Die zeitgleiche deutsche Alternative — und die direkte Konkurrentin im Ringen um die Ordonnanzentscheidung. Sie lädt von oben über Ladestreifen statt über ein Griffmagazin und ist dadurch schwerer und kopflastiger.
- Befund
- Die Entscheidung für die 08 war zugleich eine Entscheidung für das Griffstückmagazin, das sich im Pistolenbau allgemein durchsetzte.
Pistole 38
Carl Walther, Zella-Mehlis · Deutschland (Zella-Mehlis) · 1938 gesichert- System
- Verriegelter Rückstoßlader mit fallendem Verriegelungsblock, Spannabzug, Entspannhebel, 9 × 19 mm
- Unterschied
- Die Nachfolgerin, und der Grund für die Ablösung steht in einem einzigen Satz: gleiche Leistung bei knapp der halben Fertigungszeit. Dazu kommt der Spannabzug, den die 08 nicht hat.
- Befund
- Der Wechsel von 1938 ist derselbe Vorgang wie 1942 beim Maschinengewehr: Nicht die bessere Waffe setzt sich durch, sondern die billiger herzustellende bei gleicher Wirkung. Und wieder liegt die Nachfolgerin im Untersuchungsraum, diesmal in Zella-Mehlis.
Nagant M1895
Fabrique d'armes Émile et Léon Nagant, später Tula · Belgien / Russland · 1895 plausibel- System
- Revolver mit Trommelvorschub: Die Trommel schiebt sich beim Spannen nach vorn über den Laufansatz und dichtet den Spalt gasdicht ab
- Unterschied
- Der östliche Gegenentwurf derselben Generation — und die Waffe, die in Beständen der bewaffneten Organe der DDR noch neben der Makarow auftauchte. Wo die 08 auf Selbstladetechnik setzt, löst der Nagant das Dichtungsproblem mechanisch am Revolver.
- Befund
- Für dieses Register relevant, weil er zeigt, dass „Ordonnanzkurzwaffe um 1900" keine einheitliche Antwort hatte — und weil sich beide Linien in den DDR-Beständen der 1950er Jahre wiedertrafen.
Bekannte Schwächen
Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.
-
Schmutzempfindlichkeit
Der offen über dem Verschluss liegende Kniegelenkmechanismus und die eng geführten Laufbahnen reagieren empfindlich auf Sand, Staub und Verharzung. Im Grabenkrieg war das ein praktischer Nachteil gegenüber Konstruktionen mit geschlossenem Verschlussgehäuse. Der Auswurf nach oben bedeutet zugleich eine nach oben offene Waffe.
plausibel
-
Munitionsfühligkeit
Die Funktion hängt vom Gasdruckverlauf ab: Die 08 bevorzugt langsam brennende Pulver mit großer Gasmenge. Zu schwache Ladungen erzeugen nicht genug Rückstoß, um das Kniegelenk aufzuknicken — die Waffe steht dann still. Das ist kein Verschleißbild, sondern eine Eigenschaft der Konstruktion, und bei modernen Fabrikpatronen ein bis heute diskutiertes Thema.
plausibel
-
Fertigungsaufwand und enge Toleranzen
Der lange, mit engsten Toleranzen geführte Rücklauf von Gabelstück und Verschluss verschafft der Waffe hohe Eigenpräzision — erkauft mit einem Fertigungsaufwand, der Massenproduktion unter Kriegsbedingungen erschwerte. Die Pistole 38 brauchte knapp die halbe Fertigungszeit bei vergleichbarer Leistung. Genau dieser Punkt führte zur Ablösung.
plausibel
-
Kein Spannabzug
Die 08 kennt nur Single Action. Wer sie geladen und entspannt führt, muss vor dem ersten Schuss repetieren; wer sie gespannt führt, trägt eine Waffe mit gespanntem Schlagbolzen. Die P 38 löste genau das mit Spannabzug und Entspannhebel — eine Bedienlogik, die den Pistolenbau über Jahrzehnte prägte.
gesichert
Verwendung
- Ordonnanzpistole des Deutschen Reiches ab 1908; Beschaffungsbefehl Wilhelms II. vom 22. August 1908 über 50.000 Stück
- Marinemodell 1904 mit 150-mm-Lauf; Artilleriemodell (Lange Pistole 08) ab 2. Juli 1913 mit 200-mm-Lauf, Anschlagschaft und Trommelmagazin
- Über zwei Millionen Stück im Dienst der deutschen Streitkräfte 1914–1918
- Reichswehr der Weimarer Republik, beliefert 1925–1934 ausschließlich durch Simson & Co. in Suhl
- Ab 1935 Fertigung bei Heinrich Krieghoff in Suhl für den Deutschen Luftsportverband, dann für die Luftwaffe
- Weiterverwendung in der Wehrmacht neben der P 38 bis Kriegsende, dazu Polizei- und Behördenbestände
Quellen
- [Online] Wikipedia (en) — Luger pistol , Ursprung in der Borchardt C93, Patent Georg Lugers 1898 bei der DWM; Schweizer Annahme 1900 als Ordonnanzpistole 1900 nach 20 Erprobungsstücken 1899; Marinemodell 1904 in 9 × 19 mm; Heeresannahme 1908, Befehl Wilhelms II. vom 22. August 1908 über 50.000 Stück, 100-mm-Lauf; Lange Pistole 08 ab 2. Juli 1913 mit 200-mm-Lauf, achtstufigem Kurvenvisier bis 800 m, Anschlagschaft und Trommelmagazin zu 32 Schuss; Länge 222 mm, Masse 871 g, V0 350–400 m/s, Magazin 8 Schuss; Blattfeder bis zur Ausführung 1906, danach Schraubenfeder; Fertiger DWM, Erfurt, Simson, Krieghoff ab 1935 bis 1944, Mauser ab 1930 bis Dezember 1943, Vickers nur Endmontage, Waffenfabrik Bern für die Schweiz; Gesamtfertigung rund 3 Millionen 1900–1953, über 2 Millionen im Dienst 1914–1918; Versailles-Grenze von 50.000 Pistolen für das Heer und Verbot von Pistolen mit Anschlagschaft; Ablösung durch die P 38 1938 bei knapp halber Fertigungszeit, Fertigung der 08 bis September 1942; Empfindlichkeit gegen zu schwache Ladungen Link
- [Online] Forgotten Weapons — Krieghoff: Lugers for the Luftwaffe , Krieghoff-Gesamtfertigung 13.825 Parabellum; Auftrag von 1935 über 10.000 Stück für den Deutschen Luftsportverband, später für die Luftwaffe, überwiegend 1936 und 1937 ausgeliefert; rund 2.000 in kleinen Losen 1940–1944, 200 im Jahr 1945, 1.625 im gewerblichen Verkauf; Abnahmezeichen Adler über 2 an vielen Bauteilen Link
- [Online] Forgotten Weapons — Lugers Under Versailles: The 1926 Simson P08 , Erfurter Werkzeuge bei Simson, Beginn 1925, knapp 12.000 Stück, Kammerdatierung Link
- [Online] Wikipedia (de) — Parabellumpistole Link