Vergleichsstück · Belgien
Browning HP / FN GP35
- Fertigung
- Fabrique Nationale de Herstal
- Kaliber
- 9 × 19 mm
- Zeitraum
- 1935–…
- Belegstatus
plausibel Begründung anzeigenBegründung ausblenden
Dieser Eintrag stützt sich auf zugängliche Netz- und Sekundärdarstellungen sowie auf die Werksbeschreibung des Herstellers zum Funktionsablauf; ein Stück wurde für ihn NICHT eingesehen oder vermessen. GESICHERT bis gut bezeugt sind: die Auslegung als verriegelter Rückstoßlader mit kurzem Laufrücklauf, der Verzicht auf das Schwenkglied der M1911 zugunsten einer Steuerfläche im Laufuntersatz, das zweireihige Magazin zu 13 Patronen, die Urheberschaft Brownings mit der Vollendung durch Dieudonné Saive nach Brownings Tod 1926, die Patentanmeldung vom 28. Juni 1923 mit Erteilung am 22. Februar 1927, die Einführung 1935, die Magazinsicherung als französische Forderung, der Wechsel vom innenliegenden zum außenliegenden Auszieher 1962 sowie die Schlagbolzensicherung ab der Mark III von 1989. WIDERSPRÜCHLICH sind Länge und Gewicht: 199 mm und 915 g in der englischsprachigen Übersichtsdarstellung gegen die verbreiteten Angaben von rund 197 mm und rund 1000 g. Der Eintrag stellt beide nebeneinander und entscheidet nicht. UNGEKLÄRT ist, WORAUF die Steuerfläche des Laufuntersatzes aufläuft: Die Werksbeschreibung nennt einen „Cam located in the Frame", also ein Widerlager im Griffstück; eine verbreitete Vergleichsdarstellung nennt dagegen den Achsbolzen des Schlittenfanghebels, und Ersatzteilhändler führen einen Rahmennocken als eigenes, austauschbares Teil. Die drei Angaben lassen sich nicht sämtlich zugleich halten. Der Eintrag spricht deshalb neutral von einem „festen Widerlager im Griffstück" und benennt die Frage; an einem zerlegten Stück ist sie in einer Minute zu entscheiden. Die Zahl der Laufrippen ist mit zwei angegeben; die Werksbeschreibung nennt zwei Nuten in der Schlittendecke, eine unabhängige Darstellung ebenfalls zwei. Der Weg bis zur Entriegelung von rund 3/16 Zoll stammt aus der Werksbeschreibung und ist die am besten gestützte Einzelangabe zum Ablauf. KEINE SCHEMASKIZZE führt dieser Eintrag. Die Skizze „Schwenkriegel" des Registers zeigt ein keilförmiges Riegelstück unter einem waagerecht geführten Lauf, das ein Steuerstift am Griffstück absenkt — die Anordnung der Pistole 38 und der Beretta 92. Der Browning-Kippverschluss ist eine andere Bauart, und eine eigene Kategorie führt das Register bisher nicht. Eine falsche Skizze wäre hier schlechter als keine; siehe die offenen Forschungsfragen. NICHT BELEGT ist die Mündungsgeschwindigkeit in nachrechenbarer Form: Die genannten rund 335 m/s stehen ohne Geschossgewicht und ohne Lauflänge der Messung; der Eintrag führt sie als Quellenangabe und nicht als Kennwert. NICHT ERMITTELT wurde eine Gesamtstückzahl über alle Fertiger. Zur Fertigung unter deutscher Besatzung liegen zwei einander nahe Zahlen vor (gut 319.000 und knapp 325.000); beide stehen hier. Vergleichsstück — nicht Teil des Untersuchungsraums.
So funktioniert sie
Ohne Fachbegriffe erklärt. Die genaue technische Beschreibung folgt darunter; wenn doch ein Wort unklar bleibt, steht es im Glossar.
Diese Pistole arbeitet nach demselben Grundgedanken wie die ältere Colt M1911, kommt dabei aber mit einem beweglichen Teil weniger aus. Vor dem Schuss sind Lauf und Verschlussstück, der Stahlblock außen über dem Lauf, ineinander verhakt: Zwei Rippen quer über den Laufrücken sitzen in passenden Nuten des Verschlusses. Der Rückstoß schiebt beide gemeinsam ein kurzes Stück nach hinten, knapp fünf Millimeter, bis das Geschoss den Lauf verlassen hat. Bei der M1911 zieht dann ein kleines schwenkbares Glied unter der Mündung das hintere Laufende nach unten. Hier übernimmt das eine schräge Fläche an einem Fortsatz unter dem Lauf, die auf ein festes Widerlager im Griffstück aufläuft und den Lauf dabei absenkt. Die Rippen rutschen aus den Nuten, der Lauf bleibt stehen, das Verschlussstück läuft allein weiter, wirft die leere Hülse aus, spannt den Hahn, den Schlaghebel für den nächsten Schuss, und schiebt beim Vorlaufen die nächste Patrone in den Lauf. Ein Teil gespart, dieselbe Wirkung, billiger zu fertigen. Die zweite Besonderheit liegt im Griff: Die Patronen stehen dort nicht in einer Reihe übereinander, sondern versetzt in zwei Reihen. Das ergibt dreizehn statt der damals üblichen sieben oder acht, erkauft mit einem spürbar dickeren Griff und einer sorgfältig geformten Zuführung, die die beiden Reihen oben wieder zu einer zusammenlaufen lässt. Der Abzug wirkt dabei nicht unmittelbar auf die Sperre, die den Hahn hält, sondern über einen Hebel im beweglichen Verschlussstück. Einen Hebel zum Entspannen des Hahns gibt es nicht; geladen wird die Waffe gespannt und gesichert getragen.
Vergleichsstück. Gehört nicht zur Fertigung im Untersuchungsraum; steht hier als Maßstab.
Die Browning HP ist die unmittelbarste Konkurrentin der Pistole 38. Drei Jahre früher, dieselbe Patrone, dieselbe Aufgabe. Die Antwort fällt völlig anders aus. Sie beantwortet außerdem eine zweite Frage, die in Zella-Mehlis 1938 gar nicht gestellt wurde.
Konstruktion
Gegenüber der M1911 entfällt ein einziges Bauteil, und dieses eine Bauteil trägt den ganzen Unterschied. Bei der M1911 hängt das hintere Laufende an einem kurzen Schwenkglied, das um den Achsbolzen des Schlittenfanghebels kippt. Das Glied zieht den Lauf beim Rücklauf auf einer Kreisbahn nach unten, und die Kreisbahn ist vorgegeben: Ihr Radius ist die Gliedlänge, ihr Mittelpunkt der Bolzen. Wer den Verlauf des Absenkens ändern will, kann nur die Gliedlänge ändern.
Die HP hat kein Glied. In den Untersatz unter dem Patronenlager ist eine schräge Fläche gefräst, die beim Rücklauf auf ein festes Widerlager im Griffstück aufläuft. Der Lauf wird dadurch zwangsläufig abgesenkt, aber der Weg ist nun keine Kreisbahn mehr, sondern die Form dieser Fläche. Sie lässt sich anders anstellen, abstufen, verrunden. Genau darin liegt der Grund, warum die Lösung sich durchsetzte und das Glied verschwand: Sie spart nicht nur ein Teil und zwei Passungen, sie macht den Entriegelungsverlauf zur Konstruktionsgröße.
Ein offener Punkt, der am Objekt in einer Minute zu klären ist. Worauf genau die Steuerfläche aufläuft, geben die zugänglichen Beschreibungen verschieden an. Die Werksbeschreibung nennt einen Nocken im Rahmen vor der Zuführrampe. Eine verbreitete Vergleichsdarstellung nennt stattdessen den Achsbolzen des Schlittenfanghebels, also dasselbe Bauteil, um das bei der M1911 das Glied schwenkt. Ersatzteilhändler wiederum führen den Rahmennocken als eigenes, austauschbares Stück. Alle drei Angaben zugleich können nicht zutreffen. Dieses Register hat kein Stück zerlegt und entscheidet die Frage deshalb nicht.
Nach der Werksbeschreibung laufen Lauf und Schlitten rund 3/16 Zoll, also etwa 4,8 Millimeter, gemeinsam zurück, bevor die Entriegelung einsetzt; dieselbe Strecke braucht die Waffe beim Vorlauf zum Wiederverriegeln. Das ist der einzige belastbare Zahlenwert zum Ablauf, den dieser Eintrag anführen kann.
Eine zweite Eigenheit fällt beim Zerlegen sofort auf und wird in Übersichtsdarstellungen selten erwähnt. Der Weg vom Abzug zur Abzugsstange führt durch den Schlitten. Der Abzug hebt eine Übertragungsstange am Magazinschacht, diese stößt gegen einen Hebel, der im Schlitten liegt, und erst dessen hinterer Arm hebt die Abzugsstange im Rahmen aus. Der Vorteil ist, dass die Unterbrechung kein eigenes Bauteil braucht: Sobald der Schlitten zurückläuft, nimmt er den Hebel mit, und die Kette ist offen, bis der Finger den Abzug freigibt. Der Preis steht in den Schwächen — das Abzugsverhalten hängt an einer Passung, die sich mit dem Gebrauch ändert.
Das zweireihige Magazin
Dreizehn Patronen in einem Griff, der noch zu fassen ist, waren 1935 keine Selbstverständlichkeit. Der Gedanke, die Patronen versetzt in zwei Reihen zu stellen, war für Gewehr- und Maschinenpistolenmagazine bekannt; die Schwierigkeit liegt nicht unten im Kasten, sondern oben an der Mündung des Magazins.
Aus zwei Reihen muss eine werden, und zwar in dem Augenblick, in dem der Stoßboden die Patrone mitnimmt. Leisten müssen das die Magazinlippen: Sie führen die oberste Patrone mittig, halten sie gegen den Zubringerdruck fest und geben sie nach vorn frei, sobald der Stoßboden anliegt. Steht die Patrone dabei um wenige Zehntel schief, so trifft die Geschossspitze die Zuführrampe im Griffstück nicht mittig, sondern an der Kante, und die Waffe klemmt.
Der Aufwand liegt also in einem gestanzten Blechteil und in der Form einer Rampe, nicht im Verschluss. Genau das erklärt, warum die Kapazitätsfrage sich erst Jahrzehnte später allgemein entschied: Sie war kein Verständnisproblem, sondern ein Fertigungsproblem. Wer zweireihige Magazine in Serie mit gleichbleibendem Lippenmaß herstellen konnte, konnte dreizehn Patronen anbieten; wer es nicht konnte, blieb bei acht.
Entwicklung
Die Waffe geht auf eine französische Ausschreibung der 1920er Jahre zurück, die ein großkalibriges Magazin, eine Magazinsicherung und ein außenliegendes Hahnschloss verlangte. John Moses Browning meldete den Entwurf am 28. Juni 1923 zum Patent an; erteilt wurde es am 22. Februar 1927, gut ein Jahr nach seinem Tod im November 1926. Fertig konstruiert und in die Serie gebracht hat die Pistole Dieudonné Saive bei der Fabrique Nationale in Herstal. Eingeführt wurde sie 1935, in Belgien als Grande Puissance, im Handel als High Power.
Der Name meint nicht die Patrone. Die 9 × 19 mm ist dieselbe wie in der Pistole 38 und in der Pistole 08. Gemeint ist die Magazinkapazität.
Fertigung
Die Fertigungsgeschichte dieser Waffe ist ungewöhnlich, weil sie mitten im Krieg auf beide Seiten zugleich lief. Die Fabrique Nationale in Herstal wurde im Mai 1940 von der deutschen Besatzung übernommen und fertigte weiter; die deutsche Bezeichnung war Pistole 640(b). Die Angaben zur Stückzahl bis zur Befreiung im September 1944 liegen bei gut 319.000 und knapp 325.000.
Zugleich lief in Toronto bei John Inglis & Co. eine Fertigung für die Alliierten an. Sie geht auf Unterlagen und Personal zurück, die vor der Besetzung außer Landes gebracht wurden. Inglis baute zwei Ausführungen: eine mit Kurvenvisier und Nut für den Anschlagschaft, überwiegend für einen Auftrag der chinesischen Nationalregierung, und eine mit fester Kimme.
Nach 1945 kamen Lizenz- und Nachbaufertigungen in einer Reihe von Staaten hinzu. Für die Bestimmung folgt daraus, dass die Herkunft eines Stücks nie aus der Bauform allein zu lesen ist, sondern aus Beschriftung und Beschuss.
Varianten
| Ausführung | Zeit | Kennzeichen |
|---|---|---|
| GP35, Frühform | ab 1935 | innenliegender Auszieher, teils Kurvenvisier bis 500 m, teils Anschlagschaftnut |
| Pistole 640(b) | 1940–1944 | deutsche Abnahmezeichen (WaA613, WaA103, WaA140); Kurvenvisier und Schaftnut entfallen im Verlauf |
| Inglis No. 1 | ab 1944 | Kurvenvisier und Anschlagschaftnut, kanadische Beschriftung |
| Inglis No. 2 | ab 1944 | feste Kimme |
| Nachkriegsserie | ab 1945 | ab 1962 außenliegender Auszieher |
| Mark II | ab 1982 | beidseitige Sicherung, flachere Visierung |
| Mark III | ab 1989 | selbsttätige Schlagbolzensicherung |
Für die Bestimmung
An dieser Waffe wird nicht zuerst die Mechanik geprüft, sondern die Beschriftung. Sie ist über sechzig Jahre in einem halben Dutzend Staaten gebaut worden, und die Bauform allein sagt über die Herkunft eines Stücks nichts.
- Beschriftung und Abnahme. Deutsche Fertigung unter Besatzung trägt Adler mit Waffenamtsnummer, überliefert sind WaA613, WaA103 und WaA140. Inglis-Stücke tragen kanadische Bezeichnungen. Belgische Nachkriegsstücke tragen den Beschuss von Lüttich. Ein Stück ohne nachvollziehbaren Beschuss ist keiner Fertigung sicher zuzuordnen.
- Auszieher. Innenliegend bis 1962, danach außen auf einem Bolzen. Das trennt Vorkriegs- und Kriegsfertigung von der jüngeren Serie in einem Blick auf den Stoßboden — sagt aber nichts über den Fertiger.
- Kurvenvisier und Anschlagschaftnut. Beide Merkmale gehören zu den frühen und zu den Inglis-Ausführungen. Sie sind zugleich die begehrtesten, damit die am ehesten nachträglich ergänzten. Ein Kurvenvisier an einer späten Waffe, ein neu eingefräster Schlitz im Griffrücken oder ein Schaft, dessen Sitz an keiner Stelle Gebrauchsspuren zeigt, sind die Punkte, an denen bei diesem Modell zuerst hinzusehen ist.
- Magazinsicherung. Ihr Ausbau ist die häufigste Veränderung überhaupt. Fehlt das Sperrstück samt Feder, so fällt das leere Magazin frei aus dem Schacht und der Abzug läuft ohne Magazin durch. Ein Mangel ist das nicht, ein Befund schon: Er ist zu vermerken, weil er den Originalzustand betrifft.
- Steuerfläche und Widerlager. Zerlegt wird geprüft, ob die schräge Fläche im Laufuntersatz scharfkantig steht oder sich gesetzt hat, und ob das Widerlager im Rahmen ausgeschlagen ist. Beides verschiebt den Entriegelungszeitpunkt. Am Lauf selbst wird geprüft, ob die beiden Rippen noch Kanten haben; abgerundete Rippen sind bei stark geschossenen Stücken der verbreitetste Verschleißbefund.
- Zwischenhebel im Schlitten. Wandert der Abzugspunkt, ohne dass Abzugsstange oder Hahn etwas zeigen, sitzt die Ursache fast immer hier oder an der Übertragungsstange. Es ist die Stelle, an der die Waffe von allen anderen Kippverschlusspistolen abweicht, und entsprechend diejenige, die bei einer Instandsetzung am ehesten falsch angegangen wird.
- Hahn. Ringhähne und Zurüsthähne des Handels sind an älteren Stücken häufig. Ein ausgetauschter Hahn ist unkritisch, solange die Rasten sauber stehen; geprüft wird der Sitz der Spannrast, nicht die Form des Sporns.
Einordnung
| Browning HP (1935) | Pistole 38 (1938) | |
|---|---|---|
| Verriegelung | Browning-Kipp mit Steuerkurve | Schwenkriegel, Lauf bleibt waagerecht |
| Magazin | 13 Patronen, zweireihig | 8 Patronen, einreihig |
| Abzug | Single Action | Spannabzug |
| Entspannen | nicht möglich | Entspannhebel |
| Ladeanzeige | keine | vorhanden |
| Abzugsweg | über einen Hebel im Schlitten | vollständig im Rahmen |
Die HP setzt auf Kapazität, die P 38 auf Handhabungssicherheit. Beide Antworten setzten sich durch, nur zu verschiedenen Zeiten.
Die Thüringer Bedienlogik wirkte sofort und weltweit; siehe Abzugs- und Sicherungssysteme. Die Kapazitätsfrage entschied sich erst mit den Dienstpistolen der 1980er Jahre gegen die P 38; die Beretta 92, die deren Verriegelung erbte, hat ein zweireihiges Magazin mit 15 Patronen.
Moderne Dienstpistolen vereinen beide Antworten. Der Vergleich zeigt, dass die Region eine der beiden Fragen für sich entschied und die andere nicht einmal stellte. Er zeigt zugleich, wie verschieden die beiden Beiträge geartet sind. Der Zella-Mehliser Beitrag ist eine Bedienidee und war sofort zu verstehen und zu übernehmen. Der Herstaler Beitrag ist ein Fertigungsproblem und brauchte deshalb Jahrzehnte, bis er allgemein wurde.
Waffenrechtliches
Die Browning HP ist eine halbautomatische Kurzwaffe und keine Kriegswaffe nach dem Kriegswaffenkontrollgesetz; die einzelne Pistole fällt nicht unter dessen Anlage. Erwerb und Besitz setzen eine Waffenbesitzkarte voraus. Eine Freistellung als Altwaffe kommt nicht in Betracht, weil die Konstruktion aus dem zwanzigsten Jahrhundert stammt. Magazine über zehn Patronen unterliegen bei halbautomatischen Kurzwaffen den Beschränkungen des Waffengesetzes in seiner geltenden Fassung; das serienmäßige Magazin dieser Waffe fasst dreizehn. Dieses Register gibt keine Rechtsauskunft. Siehe Methodik.
Offene Forschungsfragen. Erstens das Widerlager der Steuerfläche: Nocken im Rahmen oder Achsbolzen des Schlittenfanghebels? Ein zerlegtes Stück entscheidet die Frage sofort, und sie ist keine Kleinigkeit, weil an ihr die Abgrenzung zur M1911 hängt. Zweitens Länge und Gewicht, für die zwei Angabengruppen umlaufen. Drittens die Frage, ob die Magazinlippenform der frühen FN-Magazine sich von der der Kriegs- und Nachkriegsfertigung unterscheidet — sie wäre ein Bestimmungsmerkmal ersten Ranges, und dieses Register hat dazu nichts gefunden.
Konstruktion
- Verschluss
- Formschlüssig verriegelter Verschluss, Browning-Kippverschluss ohne Schwenkglied. Zwei Rippen am Laufrücken greifen in Nuten der Schlittendecke; eine schräge Steuerfläche am Laufuntersatz läuft auf ein festes Widerlager im Griffstück und senkt das Laufende ab. Nach der Werksbeschreibung entriegelt die Waffe nach rund 3/16 Zoll (etwa 4,8 mm) gemeinsamen Rücklaufs. Ob das Widerlager der Achsbolzen des Schlittenfanghebels ist oder ein eigener, eingesetzter Rahmennocken, geben die Beschreibungen verschieden an — siehe Belegnotiz.
- Ladeprinzip
- Rückstoßlader mit kurzem Laufrücklauf, aufschießend, Hahnschloss, Einzelfeuer. Verriegelungsart und Ladeprinzip sind hier zwei verschiedene Merkmale: verriegelt ist die Waffe über die Kipp-Steuerkurve, angetrieben wird sie allein vom Rückstoß. Keine Gasentnahme, keine Verzögerungsmasse.
- Zuführung
- Zweireihiges Stangenmagazin, 13 Patronen, Zuführung oben auf eine Reihe zusammengeführt — das erste weit verbreitete zweireihige Pistolenmagazin. Zuführrampe im Griffstück, Übergang in den Laufkonus
- Abzug
- Single Action. Der Abzug hebt eine Übertragungsstange (trigger lever), diese verschwenkt einen im Schlitten liegenden Zwischenhebel (sear lever), der erst die Abzugsstange im Rahmen aushebt. Die Unterbrecherwirkung entsteht dadurch, dass der zurücklaufende Schlitten den Zwischenhebel mitnimmt
- Sicherung
- Handsicherung links am Rahmen; Magazinsicherung serienmäßig (auf französische Forderung), die ohne eingesetztes Magazin die Übertragungsstange sperrt. Eine selbsttätige Schlagbolzensicherung erst mit der Mark III von 1989
- Visierung
- Feste Kimme und Korn; frühe Ausführungen und Teile der Kriegsfertigung wahlweise mit Kurvenvisier bis 500 m und Anschlagschaftnut am Griffrücken
Maße und Leistung
- Länge
- 197 bis 200 mm je Darstellung; die englischsprachige Übersichtsdarstellung nennt 199 mm
- Lauflänge
- 118 mm (4,65 Zoll)
- Gewicht
- Widersprüchlich: 915 g nach der englischsprachigen Übersichtsdarstellung, rund 1000 g in verbreiteten deutschsprachigen Angaben. Ungeladen; die Spanne dürfte auf verschiedene Ausführungen zurückgehen
- Magazin
- 13 Patronen, zweireihig
- V₀
- rund 335 m/s nach der englischsprachigen Übersichtsdarstellung. Ein Geschossgewicht ist dort nicht genannt, der Wert ist damit nicht nachrechenbar und hier nur als Quellenangabe geführt
Funktionsablauf im Einzelnen
Der Zyklus vom Schuss bis zur erneuten Verriegelung, Schritt für Schritt. Wer ihn benennen kann, hat die Waffe verstanden — Schwächen, Varianten und Ausfallbilder folgen daraus. Unbekannte Begriffe stehen im Glossar.
- 1
Ausgangslage — verriegelt, Hahn gespannt
Die Patrone liegt im Lager. Zwei quer über den Laufrücken laufende Rippen stehen in den Nuten der Schlittendecke; Lauf und Schlitten können sich damit nur gemeinsam bewegen. Die Schließfeder unter dem Lauf steht entspannt, die Abzugsstange hält den Hahn in der Spannrast.
- 2
Auslösen über zwei Hebel und einen Schlitten
Der Abzug hebt die Übertragungsstange am Magazinschacht. Sie stößt gegen den vorderen Arm des Zwischenhebels, der im Schlitten sitzt; dessen hinterer Arm drückt die Abzugsstange im Rahmen aus der Spannrast, und der Hahn fällt. Der Weg führt also durch ein bewegliches Bauteil hindurch. Fehlt das Magazin, schiebt die Magazinsicherung den Kopf der Übertragungsstange aus dem Eingriff, und der Abzug läuft leer.
- 3
Zündung und gemeinsamer Rücklauf
Der Gasdruck presst den Hülsenboden gegen den Stoßboden. Lauf und Schlitten laufen verriegelt zurück — nach der Werksbeschreibung rund 3/16 Zoll, also etwa 4,8 mm. Darin verlässt das Geschoss den Lauf und der Druck fällt.
- 4
Entriegelung über die Steuerkurve
Die schräge Fläche am Laufuntersatz läuft auf das feste Widerlager im Griffstück auf und zwingt das hintere Laufende nach unten; die Rippen treten aus den Nuten. Hier liegt der Unterschied zur M1911: Dort hängt der Lauf an einem beweglichen Glied, das um den Achsbolzen des Schlittenfanghebels schwenkt und ihn auf einer Kreisbahn herunterzieht. Hier gibt es kein Glied und keinen zweiten Gelenkpunkt — der Weg des Laufs ist in dessen eigenen Untersatz gefräst, und die Kurve lässt sich formen.
- 5
Auszug ohne Erstauszug
Eine Vorentspannung wie beim Zylinderverschluss kennt die Bauart nicht; gezogen wird mit voller Schlittengeschwindigkeit. Die Auszieherkralle sitzt seitlich im Stoßboden — bis 1962 als innenliegende Klaue mit eigener Feder, danach als außenliegender, auf einem Bolzen schwenkender Auszieher. Beim Zuführen schnappt sie über den Hülsenrand, hält ihn also nicht von Beginn an: Eine von Hand ins Lager gelegte Patrone zwingt die Kralle über den Rand.
- 6
Auswurf
Ein feststehender Auswerferzahn am Rahmen trifft den Hülsenboden links, während die Kralle rechts noch hält; das Paar aus haltender Kralle und schlagendem Zahn dreht die Hülse und wirft sie nach rechts oben aus. Bleibt sie stecken, ist die Ursache fast immer die Kralle oder der Zahn.
- 7
Hahnspannen und Unterbrechung
Der zurücklaufende Schlitten drückt den Hahn nieder, bis die Abzugsstange in die Spannrast einfällt, und nimmt zugleich den Zwischenhebel mit, dessen vorderer Arm dadurch von der Übertragungsstange abrückt. Solange der Finger den Abzug gezogen hält, findet die Stange den Hebel nicht wieder — hier sitzt die Unterbrechung. Sie ist kein eigenes Bauteil, sondern eine Folge davon, dass ein Glied der Kette im bewegten Schlitten liegt.
- 8
Vorlauf, Zuführwinkel, Patronenlage
Die Schließfeder treibt den Schlitten vor. Der eigentliche konstruktive Aufwand dieser Waffe steht hier: Die zwei versetzten Reihen im Magazin müssen oben zu einer werden, ohne dass die Patrone kippt. Das leisten die Magazinlippen; die Patrone kommt schräg nach oben, läuft mit der Spitze über die Zuführrampe im Griffstück in den Übergangskonus und richtet sich dabei waagerecht aus. Ein verbogenes Lippenmaß oder eine ausgeschlagene Rampe zeigen sich hier zuerst — als Zuführstörung mit angestoßener Geschossspitze.
- 9
Wiederverriegeln, Verschlussfang, Rückstellen
Kurz vor der vorderen Endlage hebt dieselbe Steuerfläche den Lauf wieder an und schiebt die Rippen in die Nuten zurück, nach der Werksbeschreibung auf den letzten rund 3/16 Zoll. Ist das Magazin leer, hebt der Zubringer den Schlittenfanghebel. Erst das Loslassen des Abzugs bringt die Übertragungsstange unter den Zwischenhebel zurück; dann ist die Waffe wieder auslösebereit. Einen Entspannhebel gibt es nicht.
Vergleichsstücke außerhalb der Region
Ohne Maßstab ist eine Regionalgeschichte eine Aufzählung. Erst der Vergleich mit der zeitgleichen Konkurrenz zeigt, was an einer Konstruktion eigenständig ist, was zeittypisch — und was schlicht übernommen wurde.
Pistole 38
Carl Walther · Deutschland (Zella-Mehlis) · 1938- System
- Verriegelter Rückstoßlader mit Schwenkriegel, Spannabzug, Entspannhebel, einreihiges Magazin für 8 Patronen
- Unterschied
- Gleiches Kaliber, drei Jahre Abstand — und zwei verschiedene Antworten auf die Frage, was eine Dienstpistole leisten soll. Die HP setzt auf Kapazität (13 gegen 8 Patronen), die P 38 auf Handhabungssicherheit (Spannabzug und Entspannhebel gegen keines von beidem). Auch die Verriegelungsart trennt sie: Bei der HP kippt der Lauf, bei der P 38 bleibt er waagerecht und ein Riegelstück unter ihm fällt weg.
- Befund
- Beide Antworten setzten sich durch, nur zu verschiedenen Zeiten: die Bedienlogik der P 38 sofort, die Kapazität der HP erst mit den Dienstpistolen der 1980er Jahre. Moderne Waffen vereinen beides.
Colt M1911A1
Colt und Auftragsfertiger · USA · 1924- System
- Browning-Kippverschluss mit Schwenkglied, Single Action, 7 Patronen
- Unterschied
- Dieselbe Konstrukteurshandschrift, vierundzwanzig Jahre später und an drei Stellen vereinfacht: Das Schwenkglied entfällt zugunsten einer Steuerkurve im Laufuntersatz, die Griffsicherung entfällt, das Magazin fasst fast doppelt so viel. Hinzugekommen ist die Magazinsicherung und die Übertragung des Abzugs über einen Hebel im Schlitten — bei der M1911 liegt der gesamte Abzugsweg im Rahmen.
- Befund
- Die HP ist Brownings letzter Entwurf, von Dieudonné Saive fertig konstruiert, und die reifere der beiden. Der Verzicht auf das Schwenkglied wurde zum weltweiten Standard; die Übertragung durch den Schlitten dagegen blieb eine Eigenheit dieser Waffe und wurde nicht nachgeahmt.
Beretta 92 / M9
Pietro Beretta S.p.A. · Italien · 1976- System
- Verriegelter Rückstoßlader mit fallendem Verriegelungsblock nach P-38-Vorbild, Spannabzug, zweireihiges Magazin für 15 Patronen
- Unterschied
- Die Waffe, in der beide Antworten von 1935 und 1938 zusammenkommen: das zweireihige Magazin der HP und die Bedienlogik der P 38. Getrennt bleibt die Verriegelung — die Beretta kippt den Lauf gerade nicht, sondern führt ihn waagerecht.
- Befund
- Der Vergleich zeigt, welche der beiden Fragen dieses Registers wie ausging. Die Kapazitätsfrage entschied Herstal, die Bedienfrage Zella-Mehlis, und beide Antworten trafen sich vierzig Jahre später in Gardone.
Bekannte Schwächen
Konstruktive und fertigungsbedingte Mängel gehören zur Objektkunde: Sie erklären Umbauten, Varianten und Ausfallbilder — und sind bei der Zustandsbeurteilung am Einzelstück unmittelbar praktisch.
-
Kein Entspannhebel
Wie die M1911 kennt sie keinen sicheren Weg vom gespannten in den entspannten Zustand. Geführt wird gespannt und gesichert — die Lösung, die Zella-Mehlis drei Jahre später überflüssig machte. Eine selbsttätige Schlagbolzensicherung kam erst 1989 mit der Mark III hinzu; bei allen früheren Ausführungen liegt zwischen Hahn und Zündhütchen nichts als der frei bewegliche Schlagbolzen.
plausibel
-
Griffumfang durch das zweireihige Magazin
Die Kapazität wird mit einem deutlich stärkeren Griffstück erkauft. Für kleinere Hände ist die Waffe schwerer zu führen — ein Zielkonflikt, der bis heute jede Dienstpistolenbeschaffung begleitet.
plausibel
-
Die Magazinsicherung verdirbt den Abzug und hält das Magazin fest
Sie war eine Forderung des französischen Beschaffungsverfahrens und blieb danach im Serienstand. Ihr Sperrstück reibt beim Abziehen an der Magazinwand; der Widerstand wird dadurch höher und ungleichmäßig, und das leere Magazin fällt nicht von selbst aus dem Schacht. Beides sind Gebrauchsnachteile, die sich mit dem Ausbau eines einzigen Teils beheben lassen — weshalb der Ausbau verbreitet ist und bei der Begutachtung auffallen muss.
plausibel
-
Der Abzugsweg führt durch den beweglichen Schlitten
Der Zwischenhebel liegt im Schlitten, nicht im Rahmen. Wie schwer und wie sauber der Abzug bricht, hängt damit von der Passung zwischen Schlitten und Rahmen ab und ändert sich mit deren Verschleiß. Ein ausgeschlagener Zwischenhebel oder eine abgenutzte Übertragungsstange äußern sich als wandernder Abzugspunkt, ohne dass an Abzugsstange oder Hahn etwas zu sehen wäre. Für die Fertigung war die Lösung günstig, für die Instandsetzung ist sie es nicht.
plausibel
-
Steuerfläche und Widerlager als Verschleißstelle
Die gesamte Entriegelungsarbeit wird an einer einzigen schrägen Fläche im Laufuntersatz und ihrem Widerlager im Rahmen geleistet, und zwar bei jedem Schuss unter voller Rücklaufgeschwindigkeit. Beide Flächen setzen sich mit der Zeit; die Folge ist ein verschobener Entriegelungszeitpunkt und, bei abgerundeten Laufrippen, ein unsicherer Verriegelungseingriff. Der Ersatzteilhandel führt den Rahmennocken als eigenes Teil, was für sich genommen schon zeigt, dass er zu den Verschleißteilen gerechnet wird.
plausibel
-
Hahnbiss
Der Sporn des Hahns läuft bei den älteren Ausführungen dicht über den Handrücken. Bei hohem Griff klemmt die Haut zwischen Hahn und Griffstückrücken. Die Ringhähne späterer Ausführungen und die Zurüstteile des Handels beheben genau das; ein nachträglich veränderter Hahn ist an dieser Waffe deshalb ein häufiger Befund und kein Anzeichen für einen Eingriff in die Sicherheitsfunktionen.
plausibel
Verwendung
- In über 50 Staaten als Ordonnanzpistole eingeführt — eine der weltweit meistverbreiteten Dienstpistolen überhaupt
- Im Zweiten Weltkrieg auf beiden Seiten im Einsatz. Die Fabrique Nationale fertigte unter deutscher Besatzung weiter; die deutsche Bezeichnung lautete Pistole 640(b), das „b" für belgisch. Die Angaben zur Stückzahl liegen bei gut 319.000 beziehungsweise knapp 325.000 zwischen 1940 und 1944
- Zugleich Fertigung bei John Inglis & Co. in Toronto ab 1944 für die Alliierten, in zwei Ausführungen: mit Kurvenvisier und Anschlagschaftnut (überwiegend für einen chinesischen Auftrag) und mit fester Kimme
- Nach 1945 Lizenz- und Nachbaufertigung unter anderem in Argentinien, Ungarn, Indien, Israel, Indonesien und der Türkei; im Vereinigten Königreich als L9A1 bis in die 2010er Jahre Ordonnanzpistole
Quellen
- [Online] Wikipedia (de) — FN High Power Link
- [Online] Wikipedia (en) — Browning Hi-Power , Kurzrücklauf mit kippendem Lauf, Entwurf Browning mit Vollendung durch Dieudonné Saive, Patentanmeldung 28. Juni 1923 und Erteilung 22. Februar 1927, Magazinsicherung auf französische Forderung, innenliegender Auszieher bis 1962, Mark II 1982, Mark III 1989 mit Schlagbolzensicherung; Maße 199 mm / 118 mm / 915 g / rund 335 m/s; Fertigung und Lizenznehmer Link
- [Literatur] FN/Browning, Werksbeschreibung — Browning 9 mm Hi-Power — Field Manual (Cycle of Operation) , Zwei Nuten in der Schlittendecke greifen in Ausnehmungen des Laufrückens; Entriegelung nach rund 3/16 Zoll Rücklauf, wenn der Laufuntersatz vor der Zuführrampe auf den „Cam located in the Frame" trifft; Wiederverriegelung rund 3/16 Zoll vor der vorderen Endlage; Abzug hebt die Übertragungsstange, diese verschwenkt den im Schlitten liegenden Zwischenhebel, dieser hebt die Abzugsstange aus; Magazinsicherung schwenkt den Kopf der Übertragungsstange nach vorn; Unterbrechung durch Mitnahme des Zwischenhebels im Schlitten Link
- [Online] Forgotten Weapons — German Occupation FN High Power Pistols , Fertigung unter deutscher Besatzung ab Mai 1940, Bezeichnung Pistole 640(b), frühe Stücke mit Kurvenvisier und Anschlagschaftnut, Fortfall beider Merkmale im Verlauf der Fertigung, Abnahmezeichen WaA613, WaA103 und WaA140 Link
- [Online] Cylinder & Slide — Browning Hi-Power Frame Cams (Ersatzteilangebot) , Der Rahmennocken wird als eigenes, austauschbares Teil geführt — Beleg dafür, dass er im Handel als Verschleißteil behandelt wird, nicht für seine Bauform im Original Link
- [Online] Bundesministerium der Justiz — Waffengesetz Link